Gedenkveranstaltung zum 8. Mai – Tag der Befreiung

Wir rufen alle Worpsweder*innen auf, am Tag der Befreiung an die Opfer des Nationalsozialismus und die Befreiung Deutschlands und ganz Europas von Krieg und Faschismus durch die Truppen der Alliierten zu erinnern.

Die Gedenkveranstaltung findet auf dem Rosa-Abraham-Platz  am 8. 5. 2022 um 17.00h statt.

Der 8. Mai 2022 ist neben der Erinnerung eindringliche Mahnung, den Krieg in der Ukraine durch einen sofortigen Waffenstillstand zu beenden ebenso wie die anderen Kriege auf dieser Welt, die unermessliches Leid erzeugen.

  • Begrüßung: Dr. Almut Helvogt, Initiative NIE WIEDER, Worpswede
  • Rede: Dr. Hermann Kuhn, Vorsitzender der DIG Bremen/Unterweser e.V.
  • Kurze Lesung durch die Mitglieder der Initiative: Aussagen von Shoa-Überlebenden 1945 / Aussagen ukrainischer Shoa Ü-erlebender 2022
  • Gespräche untereinander und mit dem Redner

Aufruf zum Gedenken:

Darf man nicht wissen wollen?

Thomas Mann nach der Befreirung am 8. Maia 1945

Seine und unsere Antwort lautet: Nein! Nein, weil es unsere demokratische und weil es unsere menschliche Pflicht ist.“

Frank Imhoff, Präsident der Bremischen Bürgerschaft am 27.1.2022

Wissen heißt Nach-Denken. Nach-Fragen. Sich erinnern. Sich bewusst machen, wie es zur Nazidiktatur kommen konnte und warum der 8. Mai 1945 kein Tag der Kapitulation für Deutschland war, sondern

der Tag der Befreiung vom verbrecherischsten und mörderischsten Herrschaftssystem in der Menschheitsgeschichte.

Erst 1985 sprach es Richard von Weizsäcker als erster Bundespräsident aus:

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Nicht die Alliierten waren schuld, dass ganz Deutschland in Trümmern lag – die Truppen der Alliierten konnten nur auf diesem Weg Europa vom Krieg befreien, den Deutschland 1939 angefangen hatte. Der größte Teil der deutschen Bevölkerung hat die Nazidiktatur offen oder stillschweigend unterstützt und den Krieg mitgetragen.

Noch heute denkt knapp die Hälfte der Bevölkerung (47 Prozent), die meisten Deutschen damals hätten „nicht so viel“ bis keinerlei Schuld an der Vernichtung der Juden getragen. 81 Prozent der Befragten sagen, vom Holocaust hätten die meisten Deutschen nichts oder nichts Genaues gewusst. (Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF, 2020)

Die deutsche Bevölkerung wusste von diesem Grauen, selbst aus den Vernichtungslagern in Osteuropa gab es heimlich Nachrichten. Dreißig Konzentrationslager und 1.300 Außenlager gab es in Deutschland. Weitere 2.300 Lager, etwa Arbeitserziehungslager, außerdem Ermordungsorte für Erwachsene, Jugendliche und Kinder mit Behinderungen. Dazu weitere 20.000 Lager für Zwangsarbeiter*innen. Insgesamt fast 24.000 Lager, in denen Juden, Jüdinnen, Sinti, Roma, Homosexuelle, Oppositionelle, Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene, „Asoziale“, verurteilte Straftäter*innen, Denunzierte u.a. verhungerten, erkrankt starben, sich zu Tode schufteten, gefoltert bzw. ermordet wurden. Viele Deutsche waren Nachbarn der Lager. Und sie hatten die Reichspogromnacht 1938 erlebt, den ersten Höhepunkt offener und öffentlicher Gewalt gegen Juden und Jüdinnen in Nazideutschland.

Die amerikanische Armee zwang die Weimarer Bevölkerung, das KZ Buchenwald fünf Tage nach seiner Befreiung zu besuchen. Eine Journalistin beschreibt die Szene: „Frauen fielen in Ohnmacht oder weinten. Männer bedeckten ihr Gesicht und drehten die Köpfe weg. Als die Zivilisten immer wieder riefen: ›Wir haben nichts gewußt! Wir haben nichts gewußt!‹, gerieten die Ex-Häftlinge außer sich vor Wut. ›Ihr habt es gewußt‹, schrien sie. ›Wir haben neben euch in den Fabriken gearbeitet. Wir haben es euch gesagt und dabei unser Leben riskiert. Aber ihr habt nichts getan.‹“ (M. Bourke-White, Korrespondentin der Illustrierten Life im Nachkriegsdeutschland)

Nicht-Wissen-Wollen heisst Leugnung, Abwehr, Wegsehen. Das alles sind Bausteine für Rechtsextremis-mus, Antisemitismus und Rassismus. Der Aufstieg der AfD, das Attentat von Halle, die Morde in Hanau, Gewalt gegen Juden und Geflüchtete, rechte Netzwerke in Polizei und Bundeswehr, Leugner der Shoa in sozialen Medien und Judensterne auf Corona-Demonstrationen – das alles zeigt uns, dass Teile unserer Gesellschaft nicht aus der Geschichte lernen wollen und dass wir uns der Frage stellen müssen: Wird aus dem „NIE WIEDER!“ ein „Schon wieder?“ Oder ein „Immer wieder?“

Auch andere wollen nicht aus der Geschichte lernen, dass Kriege nur Verlierer haben, dass Krieg Tod, grenzenlose Zerstörung und unvorstellbares Leid bedeutet.  Die Vergangenheit wird plötzlich gegenwärtig. Erschüttert stehen wir vor dem vom russischen Staatspräsidenten Putin und seinen Gefolgsleuten begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Mitten in Europa ist wieder Krieg! Das heutige Russland und die heutige Ukraine haben als Teile der früheren Sowjetunion neben Polen und der jüdischen Bevölkerung Europas die größten Verluste durch Shoa und Nazikrieg erlitten. Jede Familie in der Sowjetunion hatte durch den Naziangriffskrieg und die Shoa Opfer zu beklagen, die Erinnerung an dieses Leid ist tief in der Bevölkerung verankert. Diese Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen Nazi-Deutschland mißbraucht Putin, wenn er den Krieg mit der angeblichen „Entnazifizierung“ von Staat und Gesellschaft der Ukraine durch die russische Armee legitimiert.

Auch in Russland und auch bei uns gibt es Befürworter*innen dieses Angriffskriegs. Sie haben nichts lernen wollen aus der Vergangenheit. Sicher gibt es in der Ukraine eine rechtsextreme Szene. Mit der Wahl von Präsident Selenskij (mit jüdischen Wurzeln) und durch seine Politik (z.B. Verabschiedung eines Gesetzes gegen Antisemitismus) kann sie an Bedeutung verlieren.

Putin umgibt sich mit Faschisten und Kriegsverbrechern wie Alexander Dugin, seinem Chefideologen und faschistischen Philosophen, mit Dimitri Utkin, einem Verehrer des Nationalsozialismus und Anführer der berüchtigten Wagnergruppe und anderen ähnlich Gesinnten.

Rechtsextremismus in einer Gesellschaft wäre ausserdem kein Grund, ein Land zu überfallen, Tausende Menschen zu töten, Millionen zu Flüchtlingen werden zu lassen, Städte, Landwirtschaft und Gedenkstätten zu zerstören und unübersehbare globale Schäden zu verursachen. Eine Lehre nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ächtung eines Angriffskrieges in der UN-Charta von 1945! Es gibt überhaupt keine Rechtfertigung für Angriffskriege, auch nicht gegen die Ukraine.

Wir sammeln für AMCHA, eine Organisation in Israel, die den Überlebenden der Shoa sowie deren nachfolgenden Generationen bei der Bewältigung ihrer Traumata zur Seite steht. Unterstützt wird sie von AMCHA Deutschland. Aktuell sollen die Spenden die medizinische Versorgung der besonders gefährdeten hochbetagten Shoa-Überlebenden in der Ukraine unterstützen.

Zusätzlich zu unserem Aufruf für die Gedenkveranstaltung am 8.5.2022 möchten wir auf ein Thema eingehen, dem die Gefahr droht, in seiner Vielfalt und seinem Umfang immer stärker in Vergessenheit zu geraten: dem Widerstand gegen die Nazidiktatur.

Der Aufruf wird unterstützt von:

  • AG „Aufarbeitung der NS-Zeit in Worpswede“ im Heimatverein Worpswede
  • Bildungsstätte Bredbeck
  • Bündnis für Demokratie OHZ
  • Bürgermeister der Gemeinde Worpswede 
  • CDU Worpswede                                                         
  • Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Bremen / Unterweser e.V.                             
  • Bündnis 90/Die Grünen OV Worpswede       
  • DIE LINKE Worpswede
  • Ev.-luth. Kirchengemeinde Hüttenbusch    
  • Ev.-luth. Kirchengemeinde Worpswede       
  • FDP Worpswede                      
  • Förderverein Maria Frieden e.V. Worpswede
  • Freunde Worpswedes e.V.                                     
  • Heimatverein Worpswede e.V.                        
  • Heinrich-Vogeler-Gesellschaft Verein Barkenhoff Worpswede e.V.
  • SPD Worpswede                                        
  • Stiftung Worpswede                                                
  • UWG Worpswede

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