Lesung zum 79. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

27.1. 2024

Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Na­tionalsozialismus

Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und der beiden anderen Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee

Worpswede, Rosa-Abraham-Platz, 17.00Uhr

Einführung: Dr. Bernd Moldenhauer

Unser Gedenken und die aktuelle Situation

Wir möchten an diesem Tag des Gedenkens zunächst an die gewaltigen Demonstrationen der letzten Tage erinnern. In mehr als 100 Orten gingen am vergangenen Wochenende 1,5 Mio.  Menschen gegen die AfD auf die Straßen. Für diesen Samstag und Sonntag sind rund 200 Demonstrationen angemeldet. An den Versammlungen in den Städten und Dörfern haben sich Menschen beteiligt, die wissen, dass der Nationalsozialismus nicht nur Geschichte ist.

Viele aus Worpswede waren in Bremen dabei, zusammen mit 50 000 friedlich Demonstrierenden. Es ging uns allen, wie auf handgemalten Pappen und Transparenten zu lesen war, um die Verteidigung der Demokratie gegen die AfD und noch weiter rechts stehende Gruppen. Der Kern unserer Demokratie ist der Rechtsstaat. Über Regeln und Reichweite demokratischer Verhältnisse mag man geteilter Meinung sein, über die Existenz oder Nichtexistenz des Rechtsstaats nicht.

Dass die AfD den Rechtsstaat abschaffen will, wenn sie an die Macht käme, ergibt sich aus unzähligen Statements ihrer Funktionäre und Funktionärinnen, es kann nachgelesen werden in dem „10-Punkte-Sofortprogramm für eine AfD-geführte Regierung“ vom 1. September 2023. Wohlgemerkt: Da ist nicht mehr nur von einer Regierungsbeteiligung die Rede, sondern von einer Regierungsführung. Da geht es im Kern um die komplette Beendigung der Energiewende, die Beendigung der Verkehrswende und die drastische Senkung der Staatsausgaben für Migration, Klima- und Entwicklungspolitik. Der Umgang einer regierenden AfD mit Migrant*innen und Geflüchteten, der von Teilnehmenden der sog. Geheimkonferenz in Potsdam umrissen worden ist, bedeutet eines: ohne Abschaffung des Rechtsstaats ist die Deportation von Millionen Migrant*innen und ihrer Unterstützer (das sind viele von uns hier) völlig ausgeschlossen. Diese Erkenntnis hat Hunderttausende auf die Straße gebracht. Ohne Abschaffung des Rechtsstaates sind die Drohungen eines Björn Höcke, dass, „wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, … wir Deut­schen keine halben Sachen“ machen, nicht zu verwirklichen. Mit dieser Drohung können wir uns alle, die wir hier stehen, angesprochen fühlen. Es geht ihm um den Ausschluss aller, die den Machthabern nicht zustim­men, es geht um einen „Ader­lass“. „Wir (werden) leider ein paar Volksteile verlieren…, die zu schwach oder nicht willens sind“ mitzu­machen. „Die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden.“[1]

Wohin die „deutsche Unbedingtheit“ geführt hat, dessen gedenken wir heute, wenn wir an alle Opfer des Nationalsozialismus und an die Befreiung von Auschwitz erinnern. Björn Höcke will Ministerpräsident in Thüringen werden. Wissen die Wähler und Wählerinnen in Thüringen wirklich, in welche Katastrophe diese Alternative für Deutschland führen wird?

Die AfD und Gruppierungen in ihrem Umfeld sehen sich durch Kritik an ihren Vorhaben in ihrer Meinungsfreiheit beschränkt. Da sie ständig ihre Meinungen ungehindert äußern, müssen sie mit Meinungsfreiheit etwas anderes meinen. Sie leiden darunter, dass ihre Meinung nicht die allein herrschende ist. Das erste, was sie tun werden, wenn sie eine Regierung stellen, ist die Abschaffung der Meinungsfreiheit.

Ein Bundestagsabgeordneter der AfD hat im Bundestag etwa vor einer Woche, an die anderen Parteien gerichtet, erklärt: „ich kann Ihre Angst förmlich riechen“. Damit hat er ausgesprochen, worauf die extreme Rechte immer und grundsätzlich setzt: auf Gewalt und die Verbreitung von Angst.

Dagegen helfen zwei Dinge:

die Erhaltung des Rechtsstaats. Sie beinhaltet das Einschreiten der Justiz gegen Parteien und Gruppierungen, deren Phantasien über völkische Reinheit wieder in die Vernichtung lebensunwerten Lebens münden, und eine kompromisslose Frontstellung gegen die AfD seitens aller anderen Parteien.

Politischer Streit zwischen Parteien und Fraktionen ist keine Schwäche der Demokratie, sondern ihre Stärke. Aber die Grenze zu denen zu verwischen, die die Parteien, den Rechtsstaat, die Demokratie abschaffen wollen – das ist Schwäche und Opportunismus.

Die Rechtsentwicklung wird aber nur aufgehalten werden, wenn die Mobilisierung der Zivilgesellschaft, von deren Wucht wir alle überrascht waren, anhält. Wir hören ständig von neuen Initiativen nicht nur in Grossstädten, sondern auch in kleinen und kleinsten Orten. Dazu gehören auch wir. Bei unserer Initiative gehen ständig neue Zusagen ein, sich am Bündnis gegen die extreme Rechte „Kein Platz für Nazis in Worpswede!“  zu beteiligen. Das ist ein Hoffnungsschimmer an diesem Tag des Gedenkens, einem Tag, an dem wir uns die Verantwortung für das NIE WIEDER von neuem bewusst machen.

Wir stehen hier in Solidarität mit den Überlebenden und den Nachkommen der Opfer des Faschismus. Und wir stehen hier in Solidarität mit allen Jüdinnen und Juden in Deutschland, die die Träger eines leben­digen Judentums sind und für die Deutschland ihre Heimat ist – trotz unserer furchtbaren Vergangenheit und trotz einer bedrohlichen Gegenwart.

Danke für Eure und Ihre Aufmerksamkeit! Als nächste spricht Barbara Gottwald.

[1] Im Gespräch mit Sebastian Hennig: Nie zweimal in denselben Fluss. Manuscriptum 2018

Begrüßung und Einführung: Barbara Gottwald

Zur Singularität von Auschwitz und zum zunehmenden Antisemitismus

Guten Abend liebe Anwesende,

die Initiave „Nie wieder, erinnern für die Zukunft, gemeinsam gegen rechts“ heißt Sie herzlich willkommen zu der Gedenkveranstaltung zum 79. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Soldaten der Roten Armee. Seit 1996 ist dieser Tag in Deutschland vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offiziell zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus erklärt.

Auschwitz steht symbolhaft für millionenfachen Mord, vor allem an Juden, aber auch an anderen Volksgruppen. Auschwitz steht für Unmenschlichkeit und Entmenschlichung der Opfer. Auschwitz steht für eine bis dahin nie gekannte Vernichtungsmaschinerie und Auslöschung einer Volksgruppe, einem Genozid.

Das Gedenken an die Vernichtungslager Auschwitz, Sobibor, Treblinka, Majdanek, Bergen-Belsen und Chelmno sollte nicht mit aktuellen Geschehnissen in Verbindung gebracht werden und zu diesen Parallelen gezogen werden, die einer Gleichsetzung mit aktuellen Themen und einer (Verhöhnung) und Bagatellisierung der Opfer gleicht.

Der industrielle Massenmord in Auschwitz ist in seiner Wahnhaftigkeit und Kaltblütigkeit singulär in der Menschheitsgeschichte und darum mit nichts zu vergleichen. Auschwitz ist ebenso kein Synonym für Antisemitismus, da dieser viel früher beginnt. Er beginnt in den Köpfen, auf der Straße, in den Taten, in den Schulen.

Im Folgenden werden Mitglieder der Initiative Texte von Shoah-Überlebenden und deren Nachkommen lesen.


Lesung von Texten Überlebender und deren Nachkommen

vorgetragen von Mitgliedern der Initiative

Themen:

  • Konzentrationslager und Ghetto
  • Überlebenswille
  • Widerstand
  • Befreiung
  • Die Nachkommen von Überlebenden

Zusammenstellung der Lesung von:

Dr. Harro Jenss:   Primo Levi

Katharina Hanstein-Moldenhauer: die übrigen Texte

Primo Levi

Aus:  Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht (erstmals 1947 erschienen)

Turin 1919-1987. Er wurde im Februar 1944 24-jährig als Jude und Widerstandskämpfer nach Auschwitz deportiert. Er überlebte und konnte nach Italien zurückkehren.

In der Tiefe 

Kaum länger als zwanzig Minuten dauerte diese Fahrt. Dann blieb der Lastwagen stehen, und man erkannte ein großes Tor und darüber die grell beleuchtete Schrift (die mich noch heute in meinen Träumen bedrängt):

ARBEIT MACHT FREI.

Wir steigen aus. Man bringt uns in einen großen und nackten schwach geheizten Raum. Welchen Durst wir haben! Das leise Summen des Wassers in den Heizungsröhren macht uns rasend: Seit vier Tagen haben wir nichts mehr getrunken. Immerhin ist da ein Wasserhahn; darüber das Schild, dass man das Wasser nicht trinken darf, weil das Wasser verunreinigt ist…

Dies ist die Hölle. Heute, in unserer Zeit, muss die Hölle so beschaffen sein, ein großer leerer Raum, und müde stehen wir darin und ein tropfender Wasserhahn ist da, und man kann das Was­ser nicht trinken, und uns erwartet etwas gewiß Schreckliches…

Da merken wir zum erstenmal, dass unsere Sprache keine Worte hat, diese Schmach zu äußern, dies Vernichten eines Menschen. In einem einzigen Augenblick und fast mit prophetischer Schau enthüllt sich uns die Wahrheit: Wir sind in der Tiefe angekommen. Noch tiefer geht es nicht; ein noch erbärmlicheres Menschendasein gibt es nicht, ist nicht mehr denkbar. Und nichts ist mehr un­ser: Man hat uns die Kleidung, die Schuhe und selbst die Haare genommen; werden wir reden, so wird man uns nicht anhören, so wird man uns nicht verstehen. Auch den Namen wird man uns nehmen…

„Häftling“: Ich lernte, dass ich ein „Häftling“ bin. Mein Name ist 174 517; wir wurden getauft, und unser Leben lang werden wir das tätowierte Mal auf dem linken Arm tragen…

Ezra  BenGershôm

Aus: Ezra  BenGershôm, David. Aufzeichnungen eines Überlebenden, erstmals Rotterdam 1967 erschienen. Aus dem Nachwort von 1988, geschr. In Jerusalem

geb. 1922 in Würzburg.  1942-43 auf abenteuerliche Weise als Hitlerjunge verkleidet, illegal untergetaucht und hat so als einziger seiner Familie mit viel Glück überlebt. Verkleidung und Drahtseilakte machten später seine Geschichte populär. Die Flucht über Wien und Budapest nach Palästina gelang 1943/44.

Ein Unwille gegen Zeugnisse Überlebender ist auch in der westlichen Welt spürbar. Von mancher Seite wird den Memoirenschreibern vorgeworfen, sie hätten nur Beschuldigungen vorzubringen, als wäre nichts Heiles mehr an der Welt. Ich glaube, daß die meisten Aufzeichnungen Überleben­der eher das Gegenteil beweisen, denn sie wenden sich an eine noch menschliche, hinhörende Leserschaft. 

Die heilige Pflicht, Zeugnis abzulegen! Das war es doch, was manchen ausgezehrten «verga­sungsreifen›› Sklaven des Dritten Reiches noch Kraft verlieh und mit dem Willen beseelte, nicht umzufallen, sondern zu überleben. Sie fühlten sich durch Wachttürme und schwarz uniformierte Deutsche abgeschnitten von der menschlichen, noch gesitteten Welt, und sie glaubten, daß die Welt von ihnen abgeschnitten sei. Einmal gerettet und befreit, brauchten sie nur Zeugnis abzule­gen. Dann würde die Menschheit aufhorchen und handeln. 

Heute wissen wir, daß sie von der «Welt da draußen» eine zu hohe Meinung hatten. Roosevelt, Churchill, Stalin, dem Papst Pius XII., ja allen europäischen Regierungen war spätestens im De­zember 1942 bekannt, mit welchem Ziel die mit Menschen vollgepfropften Güterzüge tagein, tag­aus den europäischen Kontinent durchquerten. Und diese einflußreichsten Männer ihrer Zeit – was haben sie gesagt und bewirkt, um dem größten Verbrechen der Geschichte entgegenzutreten?

Der Judenmord ist seither in unzähligen Gerichtsakten, Memoiren und Forschungsergebnissen dokumentiert, und doch scheint das Zeugnis wieder nötig zu sein. …

…   Kämpfen die peinlichen Zeugnisse von uns Überlebenden nicht vergeblich an gegen den Un­willen der Welt, hinzuhören? Solche Zweifel – ich gestehe es – haben mich wiederholt angewandelt.

Meinen Lesern und Gesprächspartnern habe ich zu danken, daß ich es nicht aufgegeben habe. Ich kann die Jugendlichen aus aller Welt, und insbesondere aus Deutschland…, nicht vergessen, denen ich in den vergangenen Jahren begegnet bin und in deren ernste, anständige Gesichter ich geblickt habe.

(Jerusalem, Juni 1988 Ezra BenGershôm)

Konzentrationslager und Ghetto

Zwi Steinitz

geb. 1927 in Posen. Internierungslager, Ghetto Krakau, KZ Plazów, Auschwitz, Außenlager Bobrek, Buchenwald, Sachsenhausen, Schwerin.  1946 nach Palästina ausgewandert

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen,
wie ein Vater seine Kinder liebkosen
und gleichzeitig jüdische Kinder ermorden,
die eigene Frau umarmen, küssen
und gleichzeitig ihm unbekannte, völlig unschuldige Frauen
in die Gaskammer schicken
oder an einer Grube niederschießen konnte.
(2016)

Pnina Katsir                                                                                 

geb. 1930 in Siret (Rumänien). Ghetto Czernowitz, Ghetto Dzhurin, Befreiung durch die Rote Armee 19.3.1944. 1948 nach Israel ausgewandert.

Bei denen, die sehr krank waren,
hat man nicht gewartet,
bis sie starben.
Man hat sie in ein Massengrab geworfen
und zugedeckt.
Drei Tage hat sich die Erde noch gerührt,
weil die Menschen noch lebten.
Meine Großmutter war darunter.
(2016)

Überlebenswille

Hugo Gryn

Erinnerung an das Chanukka-Fest im Arbeitslager Lieberose, als Vierzehnjähriger

geb. 1930 in Berehovo (Rumänien, jetzt Ukraine), Britischer Reformrabbiner, Auschwitzüberlebender. Er wurde aus Gunskirchen befreit, einem Nebenlager von Mauthausen. Gest. 1996

Es war im Winter 1944, und obwohl wir nichts in der Art eines Kalenders hatten, führte mein Vater, der mein Mitgefangener war, mich und einige Freunde in eine Ecke unserer Baracke. Er verkündete, es sei Chanukka, brachte eine seltsam geformte Tonschüssel zum Vorschein und begann einen Docht zu entzünden, der in seiner kostbaren, nunmehr geschmolzenen Margarineration steckte. Bevor er den Segen aussprechen konnte, protestierte ich gegen diese Verschwendung. Er sah mich an – dann die Lampe – und sagte schließlich: „du und ich, wir haben beide gesehen, dass es möglich ist, bis zu drei Wochen ohne Essen zu leben. Einmal haben wir fast drei Tage ohne Wasser gelebt; aber ohne Hoffnung kann man keine drei Minuten lang richtig leben!“

Widerstand

Jerzy Tabau

nichtjüdischer polnischer Gefangener in Auschwitz, sein Bericht wurde 1944 in Washington und London veröffentlicht

geb. 1918 in Zablotów (Polen), Mitglied der militärischen polnischen Untergrundorganisation ZOW. März 1942 Auschwitz. November 1943 Flucht. Ab 1945 Kardiologe in Krakau, gest. 2002

Am 23. Oktober 1943 wurde eine Gruppe von Polen, die man in Belsen gefangen genommen hatte, … nach Birkenau deportiert. Dort wurden sie von SS-Unterscharführer Josef Schillinger in die Umkleidekabine der Gaskammer getrieben und erhielten Befehl, sich auszuziehen. Während sie dies taten, rissen ihnen die SS-Wachen die Ringe von den Fingern und die Uhren von den Handgelenken… Als Schillinger einer Frau befahl, sich vollständig auszuziehen, schlug sie ihm ihren Schuh ins Gesicht, ergriff seinen Revolver und schoss ihm in den Bauch. Außerdem verwundete sie SS-Unterscharführer Emmerich. Einigen Berichten zufolge war sie eine Tänzerin aus Warschau namens Horowitz … [Da] begannen auch andere Frauen unmittelbar am Eingang zum Krematorium auf die SS-Männer einzuschlagen, wobei sie zwei von ihnen schwer verletzten. Die SS-Männer liefen davon. Kurz danach kamen sie, mit Handgranaten und Maschinenpistolen bewaffnet, zusammen mit dem Lagerkommandanten Rudolf Höss zurück. Eine Frau nach der anderen wurde aus der Gaskammer gebracht und erschossen.

Samuel Willenberg

aus Treblinka entflohen

geb. 1923 in Czestochowa, Überlebender des Vernichtungslagers Treblinka. 1943 organisierte er mit anderen Häftlingen zusammen den Aufstand von Treblinka. Ihm gelang dann die Flucht. 1950 Auswanderung nach Israel. Polnisch-israelischer Bildhauer und Buchautor, gest. 2016 in Tel Aviv.

Die Baracken der Deutschen brannten in einem Teufelstanz. Auch die trockenen Kiefernzweige, die wir in den Zaun gesteckt hatten, brannten lichterloh und gaben dem Zaun das Aussehen eines riesigen Drachens mit Feuerschwänzen. Treblinka war in einer mächtigen Feuersbrunst aufgegangen.

Humpelnd erreichte ich das Eisenbahngleis, überquerte es und tauchte im Wald unter, wo ich wieder zu rennen begann. Wir trafen ein Mädchen aus einem nahen Dorf. Sie sah uns an, als wären wir Wesen aus einer anderen Welt. Ich begann wie wahnsinnig zu schreien: „Die Hölle ist abgebrannt! Die Hölle ist abgebrannt!“

Befreiung

Primo Levi

Aus:  Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht (erstmals 1947 erschienen)

Januar 1945:  Freiheit. Die Bresche im Stacheldraht gab uns einen konkreten Begriff davon. Wenn man es richtig überlegte, so bedeutete das: keine Deutschen mehr, keine Selektionen, keine Ar­beit, keine Schläge, keine Appelle und später vielleicht die Heimkehr.

Aber es kostete Anstrengung, sich davon zu überzeugen, und keiner hatte Zeit, es zu genießen. Alles ringsum war Zerstörung und Tod.

Peter Coombs

ein britischer Soldat, der die ersten Tage der Befreiung in Bergen-Belsen miterlebte

Ihr Anblick verstört einen zutiefst, denn solange es noch Leben und Bewegung gibt, sind wir an ihrer und körperlichen Rettung interessiert. Die Bedingungen … sind entsetzlich. Man muss einen Rundgang machen und sich ihre Gesichter, ihren langsamen, stolpernden Gang und ihre matten Bewegungen ansehen. Ihr geistiger Zustand steht ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben, der Hunger hat ihre Körper zu Skeletten werden lassen. Tatsache ist, dass dies einst charakterlich saubere und geistig gesunde Leute waren, überhaupt nicht der Typ, der den Nazis gefährlich werden konnte. Es sind Juden und sie sterben gegenwärtig in einem Rhythmus von 300 pro Tag … nicht kann sie retten … Ich sah ihre Leichen in der Nähe der Schuppen, denn sie kriechen oder wanken hinaus in den Sonnenschein, um zu sterben. Ich sah, wie sie ihre letzte ermattete Reise antraten, und sie starben unter meinen Augen.

Zwi Steinitz

Keiner jauchzte vor Freude,
niemanden erwartete ein warmes Heim
mit einem Strauß Blumen.
Wir Überlebenden befanden uns weit weg
von unseren ehemaligen Wohnorten in Feindesland,
wir waren mutterseelenallein,
obdachlose, mittellose Menschen,
für die nun ein neues, völlig ungewisses Kapitel begann

Ich war zu stolz, die Gelegenheit zu nutzen
und deutschen Besitz an mich zu reißen.
Ich hatte alles verloren.
Gerne wäre ich in eine Wohnung hineingegangen,
gerne hätte ich nach so vielen Jahren in einem Bett geschlafen,
an einem Tisch gesessen
und hätte wie ein Mensch mit Besteck
von einem Teller gegessen.
Doch trotz aller Leiden und Schicksale in Ghetto und KZ
war ich Mensch geblieben.
Alles, was mir lieb und teuer war, hatten die Nazis geraubt,
beinahe auch mein Leben. Doch mein inneres Leben,
meine Seele, haben sie nicht vergiften können.
Ich habe niemals Hass gekannt.
lch habe niemals an Rache gedacht.
(2016)

Giselle Cycowicz

geb. 1927 in Chust (heute Ukraine). März 1944 Ghetto von Chust. Mai 1944 Auschwitz-Birke­nau. Oktober 1944 Arbeitslager Mittelsteine (Polen). 8. Mai 1945 freigelassen von der SS. 1948-1992 Auswanderung in die USA. 1992 Auswanderung nach Israel – Arbeit bei AMCHA als Therapeutin

Da waren Menschenmengen.
Das Land war voll mit Menschen,
die Lumpen trugen wie unsere.
Alles Holocaust-Überlebende, die versuchten heimzukommen,
gequält von Angst, Schmerz und Unsicherheit.
Was werden wir vorfinden, wenn wir heimkommen?
Wir trugen nichts in unseren Händen.
Wann immer jemand vorbeikam, hielt er an und fragte:
„Vielleicht hast du meine Mutter getroffen, sie war die und die.“
Niemand war freudig, niemand war glücklich, dass es vorbei war.
Als wir in unsere Stadt kamen, war alles, was mal uns gehörte,
von den Einheimischen geplündert worden.
Niemand zeigte sich betroffen von unserem traurigen Schicksal.
Niemand sagte: „Es tut mir leid, was euch passierte.“
(2016)

Die Nachkommen von Überlebenden

Giselle Cycowicz

Freitagabends kamen viele Holocaust-Überlebende,
um meine Mutter zu besuchen.
Denn es war schön, mit einer Mutter zusammen zu sein
Mütter gab es sonst keine mehr.

(2016)

Dorit Sadovsky

geb. 1951 in Tiberias (Israel), Tochter von Überlebenden des KZ Auschwitz

Obwohl ich das jüngste Kind war,
fühlte ich mich die ganze Zeit wie ihre Mutter.
Nach dem Holocaust musste meine Mutter
ein spezielles Korsett tragen, das ihr die Brüste hochdrückte.
Wenn ich sie umarmen wollte, war das unangenehm und hart.
Es fühlte sich einfach nicht gut an.
Du konntest sie nicht umarmen.
Ich habe immer geträumt, eine dicke Mutter zu haben,
die mich umarmen würde, an deren Brust
ich meinen Kopf anlehnen kann.
Meine Mutter konnte mir das nicht geben,
nicht nur wegen der Art, wie sie sich kleidete,
auch, weil sie immer verängstigt und depressiv war.

Verabschiedung: Barbara Gottwald

„Gedenken braucht Wissen und ist kein Selbstzweck“. Mit diesen Worten von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden möchte ich die Veranstaltung beenden (Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt.)

Im Namen der Initiative möchte ich Ihnen für Ihre Anwesenheit danken und noch kurz auf unseren Spendensammlung für Amcha hinweisen, die sich seit langer Zeit um die Überlebenden der Shoah kümmert.

Die Versammlung ist hiermit offiziell beendet.

Quellen:

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (Hrsg.), Erinnere Dich! Auschwitz zwischen Schweigen und Sprechen, Göttingen 1994

AMCHA Deutschland e.V. (Hrsg.), Leben nach dem Überleben, Berlin 2016

Jehuda Bacon, Malerei und Grafik (hrsg. von Michael Koller und Jürgen Lenssen), Würzburg 2015

Israel Bernbaum, Meines Bruders Hüter. Der Holocaust mit den Augen eines Malers gesehen, München 1990

 Ezra BenGershôm, David. Aufzeichnungen eines Überlebenden, (erstmals in Rotterdam 1967 erschienen), Berlin 1989

Martin Gilbert, NIE WIEDER! Die Geschichte des Holocaust, Berlin/München 2001

Jüdische Allgemeine, 21.12.23

Primo Levi, Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht (erstmals 1947 erschienen)