Tag der Befreiung – 8. Mai 2022

Begrüßung

Dr. Almut Helvogt

Im Namen der Initiative „Nie wieder! – Erinnern für die Zukunft – Gemeinsam gegen Rechts!“ begrüße ich alle Anwesenden herzlich.

Auf dem Tisch dort finde Sie unsere Spendenbox, in der wir erneut für AMCHA sammeln, eine nicht-staatlichen Organisation in Israel, die den Überlebenden der Shoah sowie deren nachfolgendenden Generationen bei der Bewältigung ihrer Traumata zur Seite steht. In diesem Jahr sind die Gelder insbesondere für die Unterstützung der besonders gefährdeten hochbetagten Shoa-Überlebenden in der Ukraine gedacht.

Außerdem finden Sie dort unseren Aufruf zum heutigen Gedenken und ein Themenflugblatt zum Thema „Widerstand und Befreiung“. Die Texte finden Sie wie immer auch auf unserer Website erinnern-worpswede.de

Ich freue mich sehr, Dr. Hermann Kuhn begrüßen zu können, der gleich die Rede zum Tag der Befreiung halten wird. Er ist Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bremen-Unterweser und war für Bündnis 90/Die Grünen lange Jahre Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft.

Er kommt direkt von einer Kundgebung gegen den Russischen Angriffskrieg auf dem Domshof in Bremen. Wir freuen uns sehr, dass er sich dennoch die Zeit für unsere Versammlung hier nimmt!

Nach seiner Rede werden Mitglieder unserer Initiative Aussagen von Überlebenden der Shoah aus der Ukraine von heute und von 1945 verlesen. Danach wollen wir gerne mit Ihnen in eine Diskussion über die aktuellen Fragen angesichts des Krieges in der Ukraine kommen.

Wir gedenken heute der Opfer des von Deutschland verursachten 2. Weltkrieges. Weltweit sind in diesem Krieg etwa 70 Millionen Menschen getötet worden.

Insgesamt 20 Millionen alliierte Soldaten starben, davon mit 6,2 Millionen Toten die meisten aus der Roten Armee. 292.000 amerikanische und 545.000 britische Soldaten sind für den Sieg gefallen, 150.000 französische Soldaten umgekommen, dazu kamen etwa 100.000 zivile Opfer auf französischem Territorium.  In Polen kamen sechs Millionen Menschen um, das entspricht siebzehn Prozent der Vorkriegsbevölkerung.

Die Ukraine war einer der Hauptkriegsschauplätze. Insgesamt starben etwa 8 Millionen Ukrainer*innen, davon über 5 Millionen Zivilist*innen. Das entsprach etwa einem Viertel der Bevölkerung.

Besonders gedenken wollen wir der Opfer des deutschen Rassenwahns. In Vernichtungslagern und in den besetzten Gebieten wurden in der Shoah 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Dabei starben allein beim Massaker von Babyn Jar in Kiew mehr als 33.000 Menschen. Insgesamt wurden 1,6 Millionen ukrainische Juden und Jüdinnen getötet.

Wir denken an 3 Millionen ermordete sowjetische Kriegsgefangene, Sinti, Roma, Homosexuelle, Opfer der Euthanasieprogramme, Menschen aus dem alltäglichen und dem politischen Widerstand. Im nur wenige Kilometer von hier entfernten Lager Sandbostel starben wahrscheinlich mehr als 20.000 russische Kriegsgefangene an Hunger, Krankheiten oder durch die Gewalt der Bewacher.

Der 8. Mai war der Tag der Befreiung von Krieg und Zerstörung in Europa und vom Unrechtsregime der Nazis in Deutschland. Die Diktatur der Nazis schaffte sehr bald nach der Machtübernahme demokratische Rechte wie Meinungs- und Pressefreiheit ab. Wir wollen heute auch derer gedenken, die Widerstand gegen das deutsche Nazi-Regime geleistet haben und damit ihr Leben riskiert und häufig auch verloren haben.

Dieser Widerstand war nicht immer organisiert, wie in der Weißen Rose oder den Attentätern vom 20 Juli. Bereits die Verweigerung des Hitlergrußes war ein Akt des Widerstandes und gefährlich.

Neben den bereits genannten bekannteren Widerstandsgruppen möchte unsere Initiative in diesem Jahr an weniger bekannte Widerstandsformen erinnern. Darunter wollen wir 2 Jugendbewegungen herausstellen.  

Die „Edelweißpiraten“ waren Gruppen in mehreren Städten, vor allem von Arbeiterjugendlichen, die sich gegen die Gleichschaltung in der Hitlerjugend wehrten und weder ihr Erscheinungsbild noch ihre Freizeitgestaltung fremdbestimmen lassen wollten. Später leisteten sie auch aktiven Widerstand, malten Anti-Kriegs-Parolen und gingen in den Untergrund. Die Gruppe aus Köln-Ehrenfeld legten ein Waffen- und Lebensmittellager an, in dem auch Juden versteckt wurden. In Kämpfen töteten sie Nazifunktionäre, 13 von ihnen (darunter 5 Minderjährige) wurden im November 1944 ohne Gerichtsverfahren öffentlich gehenkt.

Eine weitere Bewegung, die vor allem in Hamburg bestand, war die „Swing-Jugend“. Diese Gruppe hat nicht so sehr aktiven Widerstand geleistet als mehr auf ihrem Lebensstil, insbesondere ihrer Liebe für Jazz- und Swing-Musik und ihren Kleidungsstil beharrt. Für die Mädchen der Gruppen reichte es schon, sich zu schminken, um widerständig zu sein, denn „ein deutsches Mädchen schminkt sich nicht!“.

Mit den Edelweißpiraten gemein hatten sie die Gegnerschaft zur Hitlerjugend. Sie waren vor allem Gymnasiast*innen und kamen aus den wohlhabenderen Stadtvierteln. Oft kannten sie die geliebte Musik aus Aufenthalten in Großbritannien. Viele dieser Jugendlichen verloren ihr Leben in Arbeits- und Konzentrationslagern. Doch selbst in den Lagern wie Theresienstadt und Ausschwitz haben sie weiter ihre Leidenschaft ausgeübt und Musik gemacht.

Jede Generation Jugendlicher wird von der Elterngeneration kritisch betrachtet, wenn sie nonkonformistisch ihre eigenen Wege sucht und findet. Heute haben wir (hoffentlich) verstanden, welcher Schatz diese Kreativität und Widerständigkeit ist. Vielfalt ist ein Wert an sich, den zu verteidigen bedeutet, die Demokratie zu verteidigen. Reaktionäre Strömungen auf der ganzen Welt kämpfen gegen diese Vielfalt an. Vor allem queere Menschen sind weltweit gefährdet, auch hier in Europa, auch in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Umso wichtiger ist es, dass wir Jugendbewegungen unterstützen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer verstehen und nachvollziehen können!

Einen weiteren Aspekt des Widerstandes möchten wir hervorheben: den jüdischen Widerstand. Anders als in der öffentlichen Wahrnehmung, waren Juden und Jüdinnen nicht nur passive Opfer des verbrecherischen Regimes. Sie kämpften in den alliierten Armeen, in der britischen in einer eigenen jüdischen Brigade, und leisteten aktiven Widerstand in Ghettos und Lagern, in der Résistance und Partisanenkämpfen. Selbst in Konzentrations- und Vernichtungslagern fanden Gefangenenaufstände statt. In Treblinka töteten im August 1943 drei Gefangenengruppen, die zum Verbrennen der Leichen und Sortieren des Eigentums der Ermordeten gezwungen wurden, einen Teil des Lagerpersonals, übernahmen die Kontrolle über das Waffenlager und steckten die Gaskammern und Baracken des Lagers in Brand. In Sobibor rebellierten die Gefangenen, und einigen von ihnen gelang die Flucht. Auch in Auschwitz-Birkenau gab es Widerstand, Sabotageakte und Fluchtversuche. Im Oktober 1944 organisierten Häftlinge des Sonderkommandos einen Aufstand. Ihnen gelang es, ein Krematorium mit Sprengsätzen zu zerstören.

Die bekannteste und größte deutsch-jüdische Widerstandsorganisation ist die „Herbert-Baum-Gruppe“, die sich vor allem an die Berliner Arbeiter wandte und sie in Flugblättern zum Sturz der Nazidiktatur aufrief. 27 Mitglieder dieser Gruppe wurden 1942/43 verhaftet und, soweit sie nicht in der Untersuchungshaft ermordet wurden, in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Historiker gehen von ungefähr 2000 jungen Jüdinnen und Juden aus, die zwischen 1933 und 1943 aktiv in der antifaschistischen Untergrundarbeit tätig waren.

Deutschland hat Lehren aus der Nazizeit gezogen. Unser Grundgesetz betont den Wert menschlichen Lebens: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“. Meinungs- und Pressefreiheit sind im Grundgesetz besonders geschützt. Doch diese Rechte werden nicht automatisch aufrechterhalten, sie müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt werden. Wir dürfen nicht wegsehen, wenn rechte Ideologien wieder gesellschaftsfähig werden. Nicht wegsehen, wie Millionen Deutsche im dritten Reich, die behaupteten, von den Verbrechen der Nazis gegen Juden und andere nichts gewusst zu haben. Denn wir wissen, wenn diese Einstellungen wieder die Oberhand gewinnen, endet es in Krieg und Zerstörung.

Wir als Initiative stehen auch deshalb gemeinsam mit vielen anderen seit Anfang des Jahres jeden Montag an unserem Rathaus und stellen uns gegen die sogenannten „Montagsspaziergänge“. Diese Bewegung, die vorgibt gegen die staatlichen Regeln im Zuge der Corona-Pandemie zu protestieren, ist tatsächlich ein Sammelbecken für Verschwörungsgläubige und unterwandert von rechten Bewegungen. In der vergangenen Woche trug eine Teilnehmerin eine Weste, die die Corona-Maßnahmen mit den in der Nazizeit begangenen medizinischen Verbrechen verglich. Hier sind meiner Meinung nach die Grenzen dessen erreicht, was unter die Meinungsfreiheit fällt. Denn eine Relativierung der Nazi-Verbrechen ist keine Meinung, ebenso wenig wie Antisemitismus und Rassismus Meinungen sind.

Diese Bewegung zeigt außerdem offen Unterstützung für den russischen Präsidenten Putin und dessen Angriffskrieg in der Ukraine. Auch damit zeigen sie, wes Geistes Kind sie sind. Seit Beginn des Angriffskrieges am 24. Februar thematisieren wir ihn auf unseren Veranstaltungen. 77 Jahre nach der Kapitulation Deutschlands muss die ukrainische Bevölkerung wieder Tod und Zerstörung erleiden, müssen Menschen vor dem Krieg fliehen. Besonders entsetzlich ist, dass dies auch für die Überlebenden der Shoah gilt, die heute noch in der Ukraine leben. Ihnen gilt am heutigen Tag unsere besondere Anteilnahme.

Wir wollen heute auch der Opfer aller anderen Kriege seit 1945 erinnern, auf dem Balkan, in Syrien, dem Jemen und überall anders auf der Welt. Denn auch wenn wir den aktuellen Krieg als „Zeitenwende“ (Zitat Olaf Scholz) empfinden und wir am 24. Februar „in einer neuen Welt aufgewacht sind“ (Zitat Annalena Baerbock), war die Welt nie frei von Kriegen und auch in Europa ist es nicht der erste Krieg seit 1945.

Wir wollen auch an jene denken, die gegenwärtig Widerstand gegen verbrecherische Regime leisten, insbesondere den tapferen Menschen in Belarus und Russland, die mit ihrem Widerstand gegen Lukaschenka und Putin ihre Freiheit und ihr Leben riskieren.

Eine Lehre aus der verbrecherischen Nazizeit war, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen darf. Darauf gründet sich die deutsche Friedensbewegung mit ihrem Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“. Diese Gewissheit hat mit dem Krieg in der Ukraine für viele zu schwanken begonnen. Die Frage von deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine wird kontrovers diskutiert. Ich freue mich, dass Hermann Kuhn jetzt auch zu diesem Thema zu uns sprechen wird!

Gedenkrede

Dr. Hermann Kuhn

Liebe Freundinnen und Freunde, meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich danke Ihnen für die Einladung, heute auf Ihrer Kundgebung sprechen zu dürfen. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft war – vor allem dank Katharina und Bernd – schon früh eine der vielen Organisationen und Initiativen, die Ihre Gedenkveranstaltungen und Kundgebungen in Worpswede tragen. Wir hoffen, dass wir weiterhin zur Arbeit Ihrer so wichtigen Initiative beitragen können.

Meine Damen und Herren, wir hatten zu lange die Augen zu fest geschlossen: Am Morgen des 24. Februar aber sind wir „in einer anderen Welt“ aufgewacht – in einer Welt, in der wir nicht hätten aufwachen dürfen. Ich benutze bewusst ähnliche Worte wie Hannah Arendt über den Holocaust: „Dieses hätte nie geschehen dürfen.“ Putins Russland hat an diesem Tag die Ukraine mit massiver Militärgewalt überfallen, mit dem erklärten Ziel, diesen Staat zu zerstören und das Land dem russischen Reich einzuverleiben. Das ist ein tiefer Einschnitt, eine große Katastrophe für uns alle.

Putin hat damit endgültig alle Grundsätze des Völkerrechts und der europäischen Ordnung mit Füßen getreten; er führt einen mörderischen Krieg mit Angriffen auf die Zivilbevölkerung und ihre Einrichtungen wie Krankenhäuser und Theater; mit Aushungern, Verwüstungen, Vergewaltigungen, Plünderungen und gewaltsamen Umsiedlungen. All dies begleitet von der absurden und zynischen Lüge, die Russen dort zu „schützen“ und die Ukraine von „Nazis“ zu „befreien“; sie sprechen von der „endgültigen Lösung der ukrainischen Frage“. Kommt uns das alles nicht allzu bekannt vor?

Seit zehn Wochen versuchen wir uns nun in dieser anderen Welt zurechtzufinden; wir versuchen unser Denken und Handeln zu überprüfen und neu zu begründen. Zu einer solchen Überprüfung möchte ich heute beitragen, möglichst jenseits von platten Vorwürfen wie „Verrat an den Grundsätzen“ oder umgekehrt „zynischem Dogmatismus“, hoffentlich ohne Besserwisserei.

Meine Damen und Herren, die Worpsweder Initiative hat den Namen „Nie wieder – Erinnern für die Zukunft – Gemeinsam gegen Rechts. „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg, der von Deutschland ausgeht. Nie wieder staatlich organisierte Entrechtung, Diskriminierung, Verfolgung“, so steht es unter anderem in ihren Grundsätzen. Heute, 77 Jahre nach dem Kriegsende, möchte ich vor allem über dieses „Nie wieder“ sprechen.

„Nie wieder“ ist eine starke, eine sehr grundsätzliche Losung, ein Versprechen, ein Schwur. In ihrer Grundsätzlichkeit kann die Losung nur verstanden werden aus der Größe der Katastrophe von Weltkrieg und Völkermord, aus der Tiefe der militärischen, politischen und moralischen Niederlage Deutschlands im Mai 1945. Niederlage oder Befreiung – das ist in meinen Augen daher ein etwas irreführender Gegensatz bei der Beurteilung des 8. Mai 1945. Deutschland musste kapitulieren; das Ende der Nazi-Diktatur, ihre absolute Niederlage war die Voraussetzung dafür, dass ein Neuanfang in Freiheit und Demokratie überhaupt versucht werden konnte. Es wäre eigenartig, wenn wir nun diese Niederlage nicht mehr erwähnen würden.

Die Initiative „Nie wieder“ tritt – wie die DIG – dafür ein, dass die Katastrophen der deutschen Geschichte nie vergessen werden; dass die Lehren lebendig bleiben und auch heute noch unser Handeln anleiten. Aber auch diese Lehren der Geschichte wurden schon früh sehr unterschiedlich gedeutet. Deshalb möchte ich zurückgehen auf die Ursprünge dieser Losung, in die letzten Wochen des Krieges, exemplarisch im bekannten „Schwur von Buchenwald“. Das ist die Tradition, die Ihrer Initiative Legitimation und Dringlichkeit gibt.

Am 19. April 1945, eine Woche nach der Befreiung des KZ Buchenwald durch die US-Armee, versammelten sich die überlebenden Häftlinge vieler Nationen auf dem Appellplatz zu einem Schwur von hohem und berechtigtem Pathos. Sie verurteilten den Krieg Deutschlands; sie dankten den alliierten Soldaten für ihren opferreichen Kampf gegen Nazi-Deutschland und sie schworen, den Krieg der Alliierten zu unterstützen bis zum endgültigen Sieg über die Nazi-Diktatur.

Diese Menschen wussten sehr gut, dass die Schrecken des deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieges nur mit der Gewalt der Waffen beendet werden konnten – dieser Friede wurde nicht ohne, sondern mit vielen, sehr vielen Waffen geschaffen. Keiner dieser Menschen wäre auf die Idee gekommen, die sowjetische Armee zur Kapitulation aufzufordern, als ein Sieg der deutschen Seite unabwendbar schien, um so den Krieg „abzukürzen“; niemand von ihnen hätte Churchill für dessen unbedingten Willen zum Widerstand gegen Hitler als „Kriegstreiber“ bezeichnet. Er war es ja auch nicht.

Aus dem 8. Mai 1945 müssen wir weiter unbedingt die Schlussfolgerung ziehen, dass unser Staat, unsere Gesellschaft nie wieder eine andere Nation bedrängen oder gar überfallen darf; dass wir die Grenzen in Europa, die Souveränität und Integrität aller Nationen, respektieren und schützen; dass wir den Frieden wollen; dass wir für weniger Waffen eintreten, ja, aber eben auf allen Seiten; dass wir die internationale Ordnung des Rechts bewahren und ausbauen wollen. Aber wir können keinen Frieden der Unterwerfung und der mörderischen Unterdrückung wollen, denn das wäre kein Frieden.

Wir lernen aus dem 8. Mai 1945 und seiner Vorgeschichte eben auch, dass das Recht, sich zu verteidigen, unveräußerlich ist. Dass dieses Recht auch das Recht bedeutet, die Mittel dafür bekommen zu können und das Recht anderer, diese Mittel zur Verfügung zu stellen. Nicht wer sich mit Erfolg verteidigt, ist verantwortlich für die Fortdauer des Krieges und damit für weitere Opfer, sondern allein der Aggressor, der ja jederzeit mit dem Ende des Angriffs den Krieg beenden kann und, nach meiner Überzeugung, ihn heute in der Ukraine so schnell wie möglich beenden muss. Die Waffen müssen sofort schweigen!

Viele von uns kennen den Spruch, die Selbstkritik einer deutschen Gesellschaft, die früher bereitwillig Hitlers Krieg gedient hatte: „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Die Ukrainerinnen und Ukrainer aber, die keinerlei Verantwortung für den Krieg gegen sie tragen, stellen heute eine andere Frage an uns: „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner hilft Dir.“

Das darf nicht passieren. Denn das ist für mich eine zentrale Lehre aus der deutschen Geschichte, die zum 8. Mai 1945 geführt hat. Auch der Zuschauer macht sich schuldig, auch wer nichts tut, handelt – gegen die Opfer. Es ist selbstverständlich legitim und notwendig, auch die eigene Situation zu bedenken und auch die Risiken von Hilfen sorgfältig abzuwägen. Aber dass wir helfen müssen, weil wir ein gemeinsames Interesse daran haben, dass nicht wieder das Recht des Stärkeren sich durchsetzt und ihn das noch ermutigt, auch den nächsten Schritt zu machen; dass wir deshalb solidarisch helfen müssen – daran besteht für mich keinerlei Zweifel.

Denn wir haben tatsächlich eine zentrale Konsequenz aus dem 8. Mai 1945 zu verteidigen, die Putin erklärtermaßen zerstören will: Die Geltung von internationalem Recht, das Vertrauen auf Abkommen, die Zusammenarbeit im europäischen Verbund, die jahrhundertlange Feindschaften beendet hat, die Verbundenheit mit den USA und anderen Demokratien in der Welt. Es geht in Kiew, Charkiw und Odessa auch um unsere Freiheit.

Der zweite zentrale Schwur war, und auch diese Tradition hat sich bis heute gehalten: „Nie wieder Faschismus!“ Die Diskussion, was das bedeutet und wie das zu machen ist, ist noch kontroverser. Die Buchenwalder sprachen von der Beseitigung der im April 45 immer noch bestehenden Nazi-Diktatur: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Der Streit über dieses Vermächtnis begann sofort nach dem Ende des Krieges. Grob gesagt gab es zwei Wege.

Der erste sah die „Wurzeln des Faschismus“ in der Herrschaft des „Finanzkapitals“, und den „Sieg über den Faschismus“ daher in der Beseitigung des Kapitalismus; die politische Form dafür war nicht die kapitalistische, „bürgerliche“ Demokratie, sondern die „wahre“ Demokratie, in der der Zweck über allen individuellen Rechten steht. Heraus kam auch in Deutschland das Gegenteil von Freiheit. Mit dem „Kampf gegen den Faschismus“ wurde dann die Niederschlagung der Demokratiebewegungen in Berlin 1953, in Warschau und Budapest 1956, in Prag 1968, der Solidarnosc in Polen begründet.

Heute nennt Putin jeden Ukrainer, der darauf besteht, Ukrainer zu sein und zu bleiben, einen „Faschisten“ und „Nazi“, der daher vernichtet werden darf, ja muss. Der staatlich dirigierte 1. Mai in Moskau stand vor einer Woche ganz im Zeichen der Kriegsmobilisierung, unter dem Motto „Für eine Welt ohne Nazismus“. Und Lawrow hat dazu erläutert, dass Hitler auch jüdisch war und Juden wie Selensky ja oft die größten Antisemiten seien…

Dass Putin morgen die Einnahme der vollständig zerstörten Stadt Mariupol als erneuten Sieg über den Faschismus feiern will, ist eine ungeheuerliche Perversion. Das haben die Menschen, die in Buchenwald die Befreiung von der Diktatur feierten, mit ihrem Schwur nicht gemeint. Auf der Gedenkzeremonie in Buchenwald im April 2015 hat der ukrainische Ex-Häftling Borys Romantschenko den Schwur auf Russisch verlesen. Am 18. März 2022 wurde er 96jährig in Charkiw von einer russischen Bombe getötet.

Der andere, zweite Weg ist der Weg der europäischen Zusammenarbeit und vor allem des zentralen Satzes des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Für diesen Satz wurden demokratische Institutionen geschaffen, die die Staatsgewalt teilen und kontrollieren, wurde die Unabhängigkeit der Medien und der Justiz garantiert, damit die Grundrechte von Individuen und von Gruppen geschützt und gefördert werden können.

Dieser Weg ist aber immer wieder gefährdet – und wir sehen diese Gefährdung in Deutschland und in Europa derzeit ja wieder – wenn es nicht überzeugte und engagierte Demokraten gibt. Und das ist genau die Entscheidung Ihrer Worpsweder Initiative. Ich nehme Ihre Arbeit so wahr, dass Sie auf der radikalen Umsetzung des Grundgesetzes bestehen. Sie achten genau auf jede Verletzung der Grundrechte und der Demokratie, weil Sie, auch aus der Geschichte, wissen, dass jede Unterdrückung, jede Diktatur im scheinbar Kleinen beginnt, mit Herabsetzung, Ausgrenzung, mit Lügen und Hass.

Ihr genaues Hinsehen, ihr öffentliches Wort werden dringend gebraucht, weil Demokratie nie „gesichert“ sein kann. Ich habe größten Respekt für Ihre gemeinsame Arbeit, die Sie auf das Entscheidende konzentrieren. Sie treten ein für Grundrechte, für Freiheit und die Geltung des Rechts, auch in den Beziehungen der Völker untereinander. Ich gestehe, ich formuliere diese positiven Ziele lieber als die missbrauchte und von Putin endgültig zu Tode geschundene Losung „Nie wieder Faschismus“.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte abschließend noch über ein drittes „Nie wieder“ nach 1945 sprechen. „Nie wieder Auschwitz“ war in erster Linie die selbstverständliche Hoffnung der überlebenden Juden Europas. Aber mit der Gründung des Staates Israel 1948 haben sie die Erfahrung der Shoah übersetzt in den Schwur: „Nie wieder wehrlos!“

Israel wird heute häufig als waffenstarrender Militärstaat gesehen. Die Wahrheit war und ist: Wenn Israel nur einen Krieg verlieren würde, gäbe es Israel nicht mehr. Und deshalb bin ich froh über die militärische Stärke des Landes, auch wenn ich selbstverständlich weiß, dass sie wie alles auch missbraucht werden könnte. Ich bin erleichtert, dass die Israelis eine neue hocheffektive Raketenabwehr entwickelt haben. Denn mehr als 100.000 Raketen der Iran-hörigen Hisbollah sind inzwischen im Libanon stationiert, ausgerichtet auf Israel.

Ich erwähne das auch deshalb, weil wir in der Welt, in der wir nun einmal leben, Krieg von Krieg und Waffen von Waffen unterscheiden müssen. Das ändert nichts daran, dass wir uns einig sind in dem Wunsch und dem Willen, Kriege durch Zusammenarbeit und internationales Recht zu verhindern.


Ich habe viel über Lehren aus der Geschichte gesprochen; wir sind uns sicher einig, dass wir die Geschichte kennen müssen, um heute und morgen vernünftig handeln zu können. Das gilt vor allem für unsere deutsche Verantwortung. Aber wir müssen auch bedenken, dass die Berufung auf die Geschichte ihre Grenzen hat. Ja sogar ins Gegenteil umschlagen kann, wenn etwa mit dem zweifellos richtigen Satz „Putin ist nicht Hitler“ seine Diktatur und seine Verbrechen relativiert und kleingeredet werden, und wenn wir uns in irrlichternde Debatten über Vergleiche und Begriffe verlieren.

Am Ende, das möchte ich noch gegen meine eigene Rede einwenden, müssen wir auch ohne die Hilfe der Geschichte wissen, was nach unseren Maßstäben, nach unserem Urteil richtig und was falsch ist. Mein Urteil ist klar: Putin darf diesen Krieg nicht gewinnen, die Ukraine darf diesen Krieg nicht verlieren!

Sehr geehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer so wichtigen Arbeit.

Lesung zu ukrainischen Shoa-Überlebenden 1945/2022, Rosa-Abraham-Platz am 8.5.2022

Einführung und Zusammenstellung: Katharina Hanstein-Moldenhauer

Sie haben schon einmal einen Krieg überlebt – die Überlebenden der Shoa, die in der Ukraine heute hochbetagt wieder unter einem fürchterlichen Krieg leiden müssen. Die Ukraine war vor dem 2. Weltkrieg das Land mit den meisten jüdischen Einwohner*innen in Europa, zwischen 1941 und 1945 wurden 1,5 Mio. von ihnen ermordet. Allein in Babi Jar, einer Schlucht nahe Kiew, erschoss die deutsche SS am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Juden und Jüdinnen.

Nach Angaben der Claims-Conference lebten vor dem russischen Angriffskrieg rund 10.000 Shoa-Überlebende in der Ukraine. Einige sind inzwischen geflohen, manche können oder wollen ihre Heimat hingegen nicht verlassen.

Die Organisation mit ihrer Zentrale in New York setzt sich für die materielle Entschädigung von Be­troffenen ein. Es sei unklar, wie viele Shoa-Überlebende bisher geflohen seien, sagt eine Spreche­rin. Die meisten würden allerdings vor allem aufgrund von Verwandten vor Ort nach Israel und Deutschland kommen. Deutsche Organisationen versuchen nun, Betroffenen vor Ort in der Ukrai­ne zu helfen – und bei der Flucht nach Deutschland den jüdischen und anderen Shoa-Überleben­den ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu verschaffen und sie mit der bestmöglichen Betreuung im Alter zu versorgen.

Auch die jüdische Hilfsorganisation Joint Distribution Committee (JDC) und die Zentral­wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland haben nach eigenen Angaben mit der Claims Confe­rence bereits  pflegebedürftige Shoa-Überlebende in Rettungskonvois aus der Ukraine gebracht. Die Betroffenen sind zunächst in jüdischen Pflegeheimen untergebracht worden. Zusätzlich werden aufgrund des großen Bedarfs nun aber auch Verbände wie die Caritas und die Diakonie Plätze in ihren Einrichtungen bereitstellen.

Bisher (Stand vom 17./18.4.22) konnten in gemeinsamer Anstrengung der genannten Hilfsorgani­sationen, der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege und Ressorts der Bundesregierung knapp 70 Shoa-Überlebende nach Deutschland gebracht werden. Immer wieder müssen Transpor­te umkehren, weil die Weiterfahrt zu gefährlich wäre.

Für viele Shoa-Überlebende in der Ukraine war das Leben schon vor dem Krieg schwierig, wie Inna Markowytsch, Frau des Kiewer Oberrabbiners Jonatan Markowytsch, erzählt. „Die durch­schnittliche Rente in der Ukraine ist 70 Dollar im Monat. Das reicht nicht, um zu überleben.“ Allein in ihrer Gemeinde mit rund 2500 Mitgliedern hätten sie bereits in der Vergangenheit pro Monat 800 Essenspakete plus Medikamente verteilt und eine Suppenküche unterhalten. Sie hätten dabei 200 bettlägerige Mitglieder versorgt. Hunderte ihrer Gemeindemitglieder sind demnach Shoa-Überle­bende. Mehrere Betroffene sind mittlerweile auch nach Israel gekommen, wie die für Einwande­rung zuständige Jewish Agency bestätigt. Dabei wurde etwa eine 100-jährige Überleben­de mithilfe des israelischen Rettungsdienstes Zaka aus Kiew gerettet.

Israel rechnet in den kommenden Monaten mit der Aufnahme von rund 100.000 Einwanderern aus der Ukraine, die jüdisch sind oder jüdische Verwandte haben – und deshalb zur Einwanderung nach Israel berechtigt sind.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine sind Tausende Menschen getötet wor­den. Auch ein Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald kam bei einem Bombenangriff in Charkiv um. Der 96-jährige Boris Romantschenko, zuletzt Vizepräsident des Internationalen Ko­mitees der Überlebenden der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora, verbrannte in seinem Schlafzimmer bei einem Angriff auf sein mehrstöckiges Wohnhaus in der ostukrainischen Stadt, teilte die Gedenkstättenstiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora vor rund zwei Wochen mit. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hat zur Unterstützung der Überlebenden der NS-Konzentrationslager aus der Ukraine aufgerufen. Die Stiftung beteiligt sich mit rund 30 weiteren In­itiativen, Gedenkstätten und Museen an einem Hilfsnetzwerk für Opfer der NS-Verfolgung in der Ukraine.

Schließen möchte ich diese Einführung mit einem Zitat des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier aus einem Gespräch mit ukrainischen Shoah-Überlebenden in der Berliner Tages- und Nachtpflegeeinrichtung „El-Jana“:

„Vielleicht zeigt nichts so sehr wie das Schicksal dieser Holocaust-Überlebenden, wie bösartig der Zynismus ist, mit dem dieser Krieg von Putin begründet worden ist“, sagte Steinmeier nach seinem Gespräch mit den Schoa-Überlebenden. Er verwies darauf, dass Putin von einem angeblichen Kampf gegen den Faschismus und einer »Entnazifizierung der Ukraine« gesprochen habe. Die Hochbetagten müssten nun Schutz in Deutschland suchen, „ausgerechnet in der Stadt, wo der Holocaust geplant und organisiert wurde, hier in Berlin“.

Beginnen wir nun mit unserer Lesung.

1. Aus den Erinnerungen eines Offiziers der Roten Armee vom Sommer 1942:    

Nach ihren anfänglichen Erfolgen, so schrieb er rückblickend, hatten die Invasoren wohl gehofft, Kiew gewissermaßen im Vorbeigehen  einnehmen zu können. Der erste Vorstoß auf die ukraini­sche Hauptstadt sei aus nordwestlicher Richtung erfolgt – mit einer Panzerkompanie und etwas motorisierter Infanterie. Zwanzig Kilometer vor der Innenstadt sei der Angriff stecken geblieben: „Den Einheiten wurde der Weg durch den Fluss Irpin versperrt, Brücken und Übergänge waren zerstört. Damit begannen für die faschistischen Truppen blutige zweieinhalb Monate, die sie schließlich Hunderttausende von getöteten Soldaten und Offizieren kosteten.“

Und 2022? Ein Foto auf der Titelseite der New York Times von Anfang März zeigt eine Familie, die bei der Flucht an der zerstörten Brücke über den Irpin durch russischen Artilleriebeschuss getötet worden war. Die Leichen lagen zu Füßen eines sowjetischen Denkmals für Rotarmisten, die 1941 an dieser Stelle im Kampf mit der Wehrmacht umgekommen sind. (DIE ZEIT, 31.3.2022)

2. Hanna Stryschkowa, 80 Jahre, Auschwitz-Überlebende, Jüdin, Biologin     

Sie kam am 4. Dezember 1943 mit einem Zug aus Minsk nach Auschwitz und hat das Vernich­tungslager überlebt. Sie glaubt, sie habe belarussische Wurzeln und wuchs dann bei Pflegeeltern in Kiew auf.

Sie lebt in der Nähe des Kiewer Regierungsviertels bei ihrer Tochter Olha. Der Schwiegersohn Oleh kämpft an der Front. Hanna Stryschkowa hat ihre Wohnung in der neunten Etage seit Kriegs­beginn nicht verlassen. Auch bei Luftalarm bleiben die Frauen in der Wohnung, statt in einen Schutzraum zu gehen. „Möge es kommen, wie Gott entscheidet“, sagt Stryschkowa. „Für mich ist die Ukraine mein Heim, das ist mein Land. Sie hat mich auf die Beine gestellt und mir alles gege­ben.“ 

3. Borys Sabarko, 86 Jahre, Shoa-Überlebender, Jude, Historiker

und Autor von 260 Bü­chern und Artikeln, von denen viele von der Shoa und vom Antifaschismus handeln, Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger jüdischer Häftlinge der Ghettos und Konzentrationslager in der Ukraine, Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Von Kiew mit seiner Enkelin nach Stuttgart geflüchtet                                               

„Wir sind die letzte Generation, die den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überlebt hat. Leider müssen wir, die letzte Generation, am Ende unseres Lebens eine weitere Katastrophe erleben“.

„Ich dachte an Menschen, die nebeneinanderstehen, ohne frische Luft, ohne Toilette, ohne Wasser, ohne Essen, tagelang. Die sich schämen, weil sie so schmutzig sind. Sie kamen aus kultivierten europäischen Städten, aus schönen Wohnungen. In diesen Zügen fuhren sie vom Leben in den Tod. Und ich, in meinem Zug, ich fuhr vom Tod ins Leben.“

„Ich hoffe, dass ich bald wieder zurückkehren kann. Aber ich kann keine Prognose machen, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht.“

Er ist wegen des Krieges aus der Ukraine nach Stuttgart geflüchtet, wo er mit seiner Tochter und der Enkelin wohnt und wo er Verwandte, viele Freunde und Bekannte hat. Doch Sabarkos Heimat bleibt die Ukraine. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass er sich 80 Jahre nach der Shoa wie­der davor fürchten muss, in einem Krieg sein Leben zu verlieren, sagt er.

4. Galina Abramowa, 83 Jahre, Shoa-Überlebende, Jüdin    

Sie wurde als Kleinkind mit ihrer jüdischen Familie aus der Ukraine nach Kirgistan evakuiert. An diese Zeit erinnert sie sich nicht.

Sie ist Schwerstdiabetikerin und kann kaum noch laufen. Sie kam nach langer Fahrt im Kranken­wagen nach Frankfurt ins Christlich-jüdische Altersheim der Henry-und Emma-Budge-Stiftung.

„Ich hatte den Berichten nicht glauben wollen, dass Russland die Ukraine angreift. .. Ich dachte, die würden sich die Separatistenrepubliken im Donbass einverleiben, so wie die Krim. Aber dass Bomben auf Kiew fallen würden – das konnte ich mir einfach nicht vorstellen.“ Wegen ihrer ge­schwollenen Beine konnte sie nicht aus dem 8. Stock des Kiewer Wohnhauses in die Me­troschächte flüchten. „Ich hatte schreckliche Angst, aber ich konnte nicht aus der Wohnung heraus. Ich konnte nur beten, dass wir nicht getroffen werden.“

Sie will nicht mehr nach Kiew zurückkehren, hat Angehörige hier. Sie fragt sich, ob es überhaupt noch eine Wohnung gibt, in die sie zurückkehren könnte.

5. Tatjana Schuraljowa, 83 Jahre, Shoa-Überlebende, Jüdin, ehemalige Ärztin    

„Ich bin 83 Jahre alt und in Odessa geboren. Als der Zweite Weltkrieg begann, war ich zwei. Ich habe keine Erinnerungen an diese Zeit, kenne aber die Erzählungen meiner Mutter. Als Kind habe ich mich während der Bombardements unter dem Tisch versteckt. Mein Vater hat in einer Fabrik gearbeitet und war für deren Evakuierung zuständig. Deshalb konnten wir mit ihm nach Kasach­stan flüchten. Es hat Monate gedauert, bis wir dort ankamen.“

„Ich hatte gedacht, etwas Schlimmeres als die Pandemie erleben wir nicht mehr in unserem Le­ben. Aber dann kam der Krieg. . . Als wir in Przemysl jenseits der ukrainisch-polnischen Grenze waren, konnte ich durchatmen und mich sicher fühlen.“

„Die Evakuierung jetzt ist meine zweite. Dieses Mal war der einzige Gedanke, in Sicherheit zu sein. Wir haben von Verletzten und Toten in Kiew gehört und mussten fliehen. Es ist alles sehr spontan passiert. Als die Bomben fielen, habe ich mir große Sorgen gemacht. Das Haus hat durch die Explosionen gebebt, teilweise sind Granaten nur wenige Straßen weiter eingeschlagen. Ich hatte keinen Keller, keinen Bunker und hatte keine Kraft zu flüchten.

Als die Claims Conference angeboten hat, uns mit Krankenwagen zu evakuieren, habe ich gleich Ja gesagt. Alles war gut organisiert. Sie kamen direkt zu meiner Tür und haben mich bis zur Gren­ze gefahren. Zum Packen war kaum Zeit. Ich musste alles zurücklassen, habe nur meine Medika­mente und ein paar Kleinigkeiten mitgenommen. Ich habe nicht gedacht, dass es lange dauert, ich lange fortbleiben muss.

Schon in der Ukraine wurden wir seit Jahren durch Hilfsorganisationen unterstützt. Ich erlebe Deutschland als Land, das helfen kann, ich habe nicht an den Zweiten Weltkrieg gedacht. Ich war mir sicher, dass Deutschland den Juden und anderen Leuten hilft. Als wir gehört haben, dass wir nach Frankfurt kommen, habe ich zugestimmt. Mein Gedanke war: Ich muss mein Leben retten!

In meinen Augen ist Putin ein verrückter Mensch. Nicht mehr. Wie lange wir in Deutschland bleiben müssen, wird von der weiteren Situation abhängen. Für ältere Leute wird es in der Ukraine noch lange unsicher sein, das Leben wird schwer sein. Aber es besteht Hoffnung, dass die Ukraine ge­winnt und die Souveränität behält. Ich würde gerne zurückkehren. Aber jetzt bin ich hier und werde gut umsorgt.“

6. Laryssa Dsujenko, 83 Jahre, Shoa-Überlebende, Jüdin 

„Ich bin 1938 geboren und komme aus Kiew. Während des Zweiten Weltkriegs sind wir nach Usbe­kistan geflohen. Mein Vater ist im Krieg gestorben. Nur durch die Einladung meiner Oma konnten wir nach dem Krieg in die Ukraine zurückkehren. In Usbekistan war es schwer. Ich habe als Kind mit Ratten gekämpft, die mich beißen wollten. Und es gab Hunger. Wir haben dann von dem ge­lebt, was wir selbst anpflanzen konnten.

Später habe ich in einem Verlag gearbeitet. Als jetzt der Krieg in der Ukraine anfing, haben wir uns zu Hause in den Flur vor den Bomben geflüchtet. Dort ist es im Haus am sichersten. Es war eine sehr unangenehme Situation. Für die Möglichkeit der Evakuierung bin ich dankbar. Ich hatte wäh­rend der Fahrt einen Arzt und eine Krankenschwester bei mir, die mich gespritzt haben. Ich habe Diabetes. Das war super. Der Transport war gut – wenn man nicht darüber nachdenkt, dass es eine Flucht war. Ich kann nur Danke sagen.“

Jetzt waren sie rund 30 Stunden unterwegs, auf Straßen und Feldwegen, immer in Sorge vor Bom­bardements und sind nun alle drei zusammen in Frankfurt im Emma-Budge-Heim aufgenommen worden:  Galina Abramowa,  Tatjana Schuraljowa und  Laryssa Dsujenko

7. Maria Rota, 83 Jahre, Shoa-Überlebende, Roma

Maria Rota liegt auf ihrem schmalen Bett in der Flüchtlingsunterkunft in Kiel. Heute tut die linke Seite besonders weh. Sie hatte sich im vergangenen Jahr die Hüfte gebrochen, ein Riss ist immer noch geblieben. Ihr Lieblingsplatz ist allerdings am Fenster. Da kann sie rausschauen, auf den Hof: „Die Ärzte sagen, ich müsste mich bewegen. Das will ich auch gern, aber wir leben hier in der ers­ten Etage. Es sind zu viele Stufen für meine alte Hüfte.“

„Ich will keinen Krieg. Es flogen damals auch Flugzeuge. Laut war es. Die Häuser direkt nebenan, sie explodierten. … Ich erinnere mich. Ich hatte damals die Türen verschlossen und Fenster. Ich war damals ganz klein, ein Kind. Ich hatte alles verschlossen und mich dann unter dem Bett ver­steckt.“

Als Kind brachten sie die Nazis in ein deutsches Konzentrationslager. Zusammen mit ihren Eltern und Großeltern – für ein ganzes Jahr. Welches KZ genau, daran kann sie sich nicht erinnern. Ihre Eltern hätten nach dem Krieg darüber nicht gesprochen. Geblieben sind einzelne Erinnerungen: „Im KZ töteten sie meinen Opa. Sie schmissen seinen Körper mit den anderen Leichen einfach so übereinander…Sie wollten uns alle verbrennen. Die Juden, die Roma. Das haben sie immer wieder gesagt. Es war schrecklich.“

Damals im Konzentrationslager mussten sie eines Morgens zum Appell. Danach kam eine medizi­nische Kontrolle. Der Arzt, ein Deutscher, sollte die Häftlinge wohl auf ihre Tauglichkeit prüfen, erin­nert sich Rota. „Als meine Mutter an der Reihe war, da … Ich kann es mir nicht recht erklären. Aber sie war schwanger und er hatte wohl Mitleid. Vielleicht fand er sie auch sympathisch. Er hat uns zur Flucht verholfen.“

„Meinen Bruder hat meine Mutter dann auf einem Feld entbunden. Mit einem Stein hat sie dann selbst die Nabelschnur durchtrennt. Irgendwann kam eine Armee. Sie haben eine Sprache gespro­chen, die habe ich nicht verstanden. Aber die haben uns Essen gegeben. Dann waren wir in der Ukraine.“  „Aber wie wir geflohen sind, wie wir in die Ukraine kamen, das weiß ich nicht mehr. Auch nicht, wie mein Vater wieder zu uns fand. Mein Gedächtnis ist zu alt.“

2022: Marias ältester Sohn Walera ist in der Ukraine geblieben. Mit Hilfe ihres Enkels Gaitis kann Maria mit Walera telefonieren. „Walerij, mein Walerij, wann kommt ihr her? Wie hat euch Gott ge­rettet? Wo habt ihr euch versteckt? Im Keller?“ „Ja, im Keller. Haben da die Nacht abgesessen.“

„Ich bin so dankbar. Für das Essen, das warme Bett, die Freundlichkeit der Deutschen, die Gast­freundschaft und die vielen lächelnden Gesichter“, sagt Rota. Das sagt sie an diesem Nachmittag immer und immer wieder. Jedes Mal aus tiefstem Herzen. „Ich bin 83 Jahre alt. Ich habe schon ei­nen Krieg überlebt. Dann überlebe ich auch diesen Krieg. Ich bin ja nicht mehr im Konzentrations­lager. Ich bin ein freier Mensch. Hauptsache, meine Familie und ich können hier gemeinsam le­ben.“  Zurück in die Ukraine will sie nicht mehr, sagt sie. Da ist nichts mehr, was sie hält. Sie wünscht sich, bald mit ihrer Familie eine Zukunft hier aufbauen zu können. „Endlich alle in einem Haus leben und ich brauche nichts mehr außer einem kleinen Zimmer mit einem Fenster, durch das die Sonne scheint,“ sagt sie und lächelt. Mit 83 Jahren will sie neu anfangen und die Kriege ihres Lebens hinter sich lassen, sagt sie, denn für eine Sache ist sie nie zu alt: Glück.

Quellen (Lesung):

https://www.n-tv.de/politik/Holocaust-Uberlebende-will-Kiew-nicht-verlassen-article23244040.html

https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/schleswig-holstein_magazin/Ukraine-Holocaust-Ueberlebende-fluechtet-nach-Deutschland,holocaust292.html

https://www.n-tv.de/politik/Holocaust-Uberlebende-will-Kiew-nicht-verlassen-article23244040.html

Jüdische Allgemeine vom 31.3.2021

Jüdische Allgemeine vom 28.4.2022

Weser-Kurier vom 17./18.4.2022

DIE ZEIT vom 31.3.2022

DIE ZEIT vom 13.4.2022