Sieg der Alliierten – Kapitulation – Befreiung
Begrüßung
Jochen Semken
Liebe Anwesende,
Heute stehen wir hier auf dem Rosa-Abraham-Platz zusammen und gedenken des 8. Mai 1945. Der Tag, an dem in Europa der 2. Weltkrieg endete.
Dieser Tag markiert nicht nur das Ende eines beispiellosen Grauens, sondern auch den Beginn einer neuen Hoffnung – der Hoffnung auf Frieden, Freiheit und Versöhnung.
Wenn wir heute – mehr als 80 Jahre später – zurückblicken, dann tun wir dies nicht nur aus historischem Interesse.
Heute tun wir es vor allem, weil die Vergangenheit uns verpflichtet. Dieser Tag, soll uns immer wieder mahnen und verdeutlichen, dass Frieden, Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Errungenschaften, die immer wieder neu geschützt und ganz aktuell, auch verteidigt werden müssen.
Während wir hier in Frieden zusammenkommen, erleben wir in anderen Teilen der Welt erneut Krieg, Leid und Zerstörung.
Die Bilder aus der Ukraine, wo seit über zwei Jahren ein brutaler Angriffskrieg tobt, und die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten zeigen uns schmerzlich, wie zerbrechlich der Frieden ist. Sie erinnern uns deutlich daran, dass die Lehren der Geschichte nicht überall gehört werden.
Und sie fordern uns auf, uns für die Werte einzusetzen, für die so viele vor uns gekämpft haben: für Menschenwürde und Menschenrechte, für Selbstbestimmung, für das Recht auf ein Leben in Sicherheit und Freiheit.
Die NS-Diktatur hat schmerzlich gezeigt, wohin es führt, wenn Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ausgehebelt werden.
Heute sehen wir erneut, wie autoritäre Regime in aller Welt Menschenrechte mit Füßen treten. Wir müssen wachsam sein: in unserem eigenen Land, in Europa und weltweit.
Auch bei uns in Worpswede zeigt sich sehr deutlich: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit mehr und ist auch nicht mehr sicher vor zukünftigem Handeln.
Über 20 % AFD-Wähler in Hüttenbusch bei der letzten Bundestagswahl machen deutlich: Worpswede ist nicht mehr nur eine Insel der Glückseligkeit.
Gerade mit Blick auf die kommenden Kommunalwahlen im September dieses Jahres wird auch hier in Worpswede deutlich:
Demokratie braucht wieder Beteiligung.
Sie braucht Menschen, die sich informieren und die wählen gehen,
und Menschen die Verantwortung übernehmen.
Jeder von uns kann, jeder sollte nach Möglichkeit einen Beitrag leisten: durch Mitmenschlichkeit, durch Zivilcourage und durch das Eintreten für eine lebendige, wehrhafte Demokratie, die sich ihrer Werte bewusst ist.
Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind, um gemeinsam zu erinnern – und gemeinsam Verantwortung zu tragen.
Lesung
Wie es war: Sieg – Niederlage – Befreiung – Täter
I. Sieg
II. Kapitulation
III. Befreiung
IV. Täter und Mitläufer
V. Abschluss

Der Weg in den Faschismus vor 1933 und unsere Wahl heute
Bernd Moldenhauer
Der 8. Mai ist der Endpunkt von Entwicklungen, die Jahrzehnte vorher begonnen haben. Politische Programme waren der Anfang, die totale Katastrophe war die Folge.
Wir erinnern an dieses Datum, weil dieses Stück mit veränderten Namen, aber ähnlichen Inhalten erneut aufgeführt werden soll. Die Frage ist: wie weit sind wir heute auf diesem Weg vorangeschritten. Ich sage „wir“, weil ohne Wähler und Wählerinnen und ohne finanzielle und politische Unterstützer Hitler noch Jahrzehnte hätte Postkarten malen müssen, statt die Demokratie abschaffen und einen zweiten Weltkrieg anzetteln zu können.
Das Drehbuch ist das alte aus den Jahren 1928 bis 1933: Vom Land aus die Städte erobern, von Thüringen aus die Regierungsmacht in anderen Gliedstaaten der Weimarer Republik übernehmen. Der Freistaat Thüringen hatte 1930 als erster eine gewählte nationalsozialistische Regierung. Heute ist Höckes faschistischer Flügel das Modell für die benachbarten Bundesländer. Drei Jahre später war die Weimarer Republik am Ende.
Was haben wir von extrem, rechten Parteien zu erwarten?
1. Schulpolitik
Politische Katastrophen fangen mit politischen Programmen an.
Nur zwei Beispiele:
Werfen wir einen Blick auf den Entwurf des AfD-Wahlprogramms in Sachsen-Anhalt für 2026 und hier die Schulpolitik. Sie ist wichtig, weil die Schulen in die Kompetenz der Länder gehören und die AfD ihre Vorstellungen durchsetzen kann, auch wenn sie noch nicht in Berlin regiert.
Folgendes will die Partei durchsetzen:
- Nationalhymne. Die SchülerInnen sollen jeden Morgen strammstehen und die deutsche Nationalhymne absingen. Im April 2025 beschloss der Kreistag im Jerichower Land, dass Schulen im Kreisgebiet täglich die Deutschlandflagge hissen müssen. Dieser AfD-Antrag wurde mit Stimmen der CDU angenommen und betrifft Schulen, die einen Fahnenmast besitzen.
- Deutschtum. „antideutsche“ Inhalte sollen aus dem Bildungswesen entfernt werden.
- Abschaffung der generellen Schulpflicht und Wahlfreiheit für das häuslichen Unterricht.
- Ende der Inklusion
- Sonderklassen für Flüchtlingskinder
2. Abschiebung von Geflüchteten und Deutschen mit Migrationshintergrund
2022 haben 23,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland gelebt. Das entspricht einem Anteil an der Bevölkerung von 28,7 Prozent. Fast genau die Hälfte hat die deutsche Staatsangehörigkeit, rund zwölf Millionen Menschen. Ein Großteil von ihnen ist bereits in Deutschland geboren.
Das Ziel der AfD ist, auch Deutsche mit Migrationshintergrund auszubürgern. Nach geltender Rechtslage sind solche Abschiebungen nicht möglich.
Wir haben uns so dieses Gerede gewöhnt, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie grotesk das ist:ein Studienrat aus Bad Soden-Allendorf (Björn Höcke) schwingt sich auf zu entscheiden, wer in diesem Land leben darf und wer nicht.
Die hier Versammelten gehören mit Sicherheit zu dem Teil der Bevölkerung, dem die AfD das Recht nehmen will, hier zu leben. Woher nimmt die AfD das Recht? Aus ihren inhumanen Überzeugungen, die sich gegen alles richten, die nicht ihrer Meinung sind, egal ob sie aus anderen Ländern zugezogen sind oder seit Jahrhunderten hier leben. Es geht nicht um deutsch / nicht-deutsch, sondern um Nazi / nicht Nazi.
Die Gewalttätigkeit ihrer Reden bereiten die Gewalt vor, die sie gegen uns einsetzen werden.
Als Beleg zwei Zitate von AfD-Mitgliedern über Migranten:
- „Das Pack erschießen oder zurück nach Afrika prügeln.“ – Dieter Görnert, AfD
- „Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.“ – Chatprotokoll Marcel Grauf
Und zum generallen Vorgehen hat ein ehemaliger Sprecher des Landesverbandes folgendes in einem Chatprotokoll geäußert:
„Wir müssen ganz friedlich und überlegt vorgehen, uns ggf. anpassen und dem Gegner Honig ums Maul schmieren aber wenn wir endlich soweit sind, dann stellen wir sie alle an die Wand. […] Grube ausheben, alle rein und Löschkalk oben rauf.“
(Holger Arppe Ehemals Sprecher des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern, Ehemals Mitglied eines Landtags. Quelle: Chatprotokolle der AfD, Artikel in: Der Tagesspiegel)
Das ist die unverstellte Sprache in der AfD. Sie unterscheidet sich in nichts von der der alten Nazis. In offiziellen Verlautbarungen der AfD wird man sie nicht finden. Da gibt sie sich als normale Partei im Rahmen der Verfassung.
Demokratische Parteien fördern bewusst oder aufgrund politischer Unfähigkeit den Aufstieg der extremen Rechten
Die wichtigste Tendenz bei einigen demokratischen Parteien ist gegenwärtig die Normalisierung und Verharmlosung der AfD. Das war in der Wseimarer Republik nicht anders. Ein Grund für den Erfolg der Nazi-Bewegung war das Verhalten der konservativen und liberalen Parteien.
Sie haben sich nicht mit juristischen und polizeilichen Mitteln gegen die Nazis gestellt, die den Mob losgelassen haben, ehe sie ins Parlament eingezogen sind. Sie haben vielmehr diese Bewegung normalisiert, sind ihren Forderungen in vorauseilendem Gehorsam entgegen gekommen.
Der Aufstieg der NSDAP in der Weimarer Republik wurde nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch eine Kombination aus politischem Versagen, strategischen Fehlern der demokratischen Parteien, institutionellen Schwächen und der Ausnutzung der wirtschaftlichen Krisen durch die Nationalsozialisten ermöglicht.
Dazu gehörten:
- «Hoffähig» machen: Konservative Parteien unterschätzten Hitler und suchten die Zusammenarbeit um gemeinsam die Republik zu bekämpfen.
- Teile der konservativen Elite und der Reichswehr unterstützten aktiv oder passiv antidemokratische, völkische Gruppen.
- In Krisenzeiten waren die Weimarer Koalitionen oft blockiert, was den Eindruck erweckte, die Demokratie sei handlungsunfähig.
- Parteien machten „Klientelpolitik“ für spezifische Wählergruppen, was die extreme Rechte so darstellt, als würde sie das Volk vertreten.
Was wiederholt sich bei den Parteien der Bundesrepublik?
Es gibt gegenwärtig Beispiele, die vor zwei, drei Jahren von den demokratischen Parteien noch ausgeschlossen worden waren.
Nicht gleiches Abstimmungsverhalten von demokratischen Parteien und der AfD ist das größte Problem, sondern Kooperationen auf kommunaler Ebene zwischen der CDU und der AfD. Von Brandmauer ist da keine Rede mehr.
Kulturellen und politischen Aktivitäten, die der Regierung nicht passen, werden die Mittel entzogen, die Förderung von Demokratieprojekten wird die Förderung komplett gestrichen. Statt dessen will die Regierung selber festlegen, wer Gelder bekommt.
Die Wähler
Unter demokratischen Verhältnissen besteht keine Zwangsläufigkeit, dass extrem rechte Parteien und Bewegungen die Demokratie zerstören. Hier hängt es von den Wahlen ab, welche Parteien regieren. Und für ihr Wahlverhalten haben die Wähler selbst die alleinige Verantwortung.
Noch ist es keine Risiko, sich gegen den Aufstieg neuer Nazis zu wenden, und schon gar nichts riskieren die, die stillschweigend andere Parteien wählen. Niemand kann Wähler zwingen, rechtsextrem zu wählen. Wenn sie es tun, dann aus freiem Entschluss.
Die Wahlergebnisse der AfD in den neuen Bundesländern zeigen jedenfalls, dass ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung nicht aus der Katastrophe gelernt hat.
Aber wenn sie es tun, sind sie mitverantwortlich für das, was folgt. Wenn unsere Kinder morgens strammstehen und die erste Strophe der Nationalhymne absingen müssen, haben sie genau das gewollt.
Der 8.Mai fasst zusammen, was das geheime Ziel rechtsextremer Parteien an der Macht ist. Was immer sie von Deutschlands Größe gefaselt haben – der auf 1000 Jahre geplante Höhenflug endete nach 12 Jahren mit der Zerstörung des eigenen Landes und des größten Teils von Europa.
Deswegen darf der 8. Mai nicht im seligen Vergessen verschwinden. Er ist das Resultat alles dessen, was die Nazis gewollt und getan haben.
Unsere Rede auf diesem Platz endete im vorigen Jahr so:
„Wir können angesichts dessen auf zwei Dinge setzen: die Weimarer Republik hat 12 Jahre bestanden, die Bundesrepublik mit den 4 Jahren nach 45 immerhin 80 Jahre. Noch halten die demokratischen Institutionen. Mehrheiten können faschistische Parteien und Bewegungen nur mit Hilfe demokratischer Parteien erreichen. Sie können nur hoffen, dass alle demokratischen Parteien begriffen haben, welche Koalitionen möglich und geboten sind und welche ohne Wenn und Aber ausgeschlossen werden müssen.“
Ein Jahr später ist diese Hoffnung geringer geworden.
Wir haben heute Abend einen der besten Kenner der Geschichtspolitik der neuen extremen Rechten zu Gast. In der Scheune wird ab 19 Uhr Volker Weiss sein neuestes Buch „Das Deutsche Demokratische Reich: Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört“ vorstellen. Es geht um die Kulturpolitik der extremen Rechten, um ihr Geschichtsverständnis und die Frage, wie weit wir auf dem Weg in eine abermalige Diktatur fortgeschritten sind.
Wir möchten alle Anwesenden zu dieser Veranstaltung einladen. Sie beginnt um 19 Uhr.

