
Begrüßung
Katharina Hanstein-Moldenhauer
Jedes Jahr gedenken wir der Opfer der Novemberpogrome 1938. Wir nennen die Namen der ermordeten jüdischen Worpsweder und Worpswederinnen und hoffen, sie damit ein wenig dem Vergessen zu entreißen.
Rosa Abraham geb. Lösermann
Merri Leeser geb. Abraham
Sophie Schwabe geb.Abraham
Johanne Sanders geb. Abraham
Walter Steinberg
Sechs weitere jüdische Worpsweder und Worpswederinnen wurden ins Ausland vertrieben.
Die Novemberpogrome 1938 waren eine beispiellose Welle der Gewalt gegen Hunderttausende deutscher Jüdinnen und Juden sowie gegen ihre Wohnungen, Geschäfte und Synagogen in sämtlichen Teilen des Deutschen Reichs und vor aller Augen. Über 30000 jüdische Männer wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. In einer Dokumentation der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zum 9. November 1938 heißt es, dass es nun nach einer „ Politik der Isolation und Ausgrenzung der Juden“ „zu einer brutaleren Politik der Vertreibung und erzwungenen Emigration (kam).…. Man muss einen weiteren Wendepunkt darin sehen, dass diese Aktionen sich in aller Öffentlichkeit, vor aller Augen abspielten: die deutsche Zivilbevölkerung wurde jetzt direkt mit der antijüdischen Politik des Naziregimes konfrontiert.“
Bei unseren Gedenkveranstaltungen, auch denen zum 27. Januar, dem Tag zum Gedenken für alle Opfer des Nationalsozialismus anlässlich der Befreiung von Auschwitz, und zum 8.Mai, anlässlich der Befreiung von der Nazidiktatur, setzen wir uns immer mit einem bestimmten Thema auseinander. Wir versuchen, es in Verbindung zur heutigen Zeit, zum aktuellen Antisemitismus und der Entwicklung der extremen Rechten zu bringen. In dieser Gedenkveranstaltung soll das Thema: Der jüdische Widerstand im Mittelpunkt stehen. Ich möchte dazu kurz ein paar einführende Worte sagen, bevor nachher für uns alle Monty Ott in der Galerie Altes Rathaus dazu einen Vortrag halten wird.
Wenn wir heute in Deutschland an Widerstand denken, assoziieren viele Menschen damit Namen wie Sophie Scholl, Stauffenberg oder Oskar Schindler. Aber was ist mit den jüdischen Widerstandskämpfern und -kämpferinnen, die in der Erinnerung keinen Platz finden?
Über 2000 Jahre wurden Juden und Jüdinnen unterdrückt, verfolgt und in fürchterlichen Pogromen ermordet, von einem Land ins andere gejagt, ohne es ihren Peinigern mit Rachsucht und Terror heimzuzahlen. Über Jahrtausende in der Diaspora lebend, gab es allen Grund für Widerstand, für Rache gegenüber den Unterdrückern und Mördern. Der Widerstand äußerte sich im wesentlichen in organisierten Rettungsaktionen, vor allem von Kindern, z.B. während der mittelalterlichen Pestpogrome, und der Selbstbehauptung der jüdischen Gemeinden durch eine weitgehende eigene Verwaltung.
Der jüdische Widerstand gegen den Nationalsozialismus erstreckte sich über ganz Europa. Jüdinnen und Juden kämpften nicht nur als Teil der alliierten Armeen, sie organisierten unter den schwierigsten Bedingungen Aufstände, wie etwa in den Vernichtungslagern oder in verschiedenen Ghettos, sie schrieben bereits Berichte während ihrer Verfolgung und sammelten Schriftstücke über die Naziverbrechen für die Nachwelt. Dem kollektiven Aufstand im Warschauer Ghetto folgten 29 weitere Aufstandsversuche in anderen Ghettos. Juden und Jüdinnen waren aktiv in Partisanengruppen, sie dichteten Lieder, um sich gegenseitig Mut zu machen, und bildeten Netzwerke zur Rettung anderer Juden und Jüdinnen. Auch in Deutschland gab es organisierten jüdischen Widerstand. Am bekanntesten ist wohl die Gruppe um den jüdischen Kommunisten Herbert Baum, die nach ihrem Brandanschlag auf die antisowjetische Ausstellung „Das Sowjetparadies“ 1942 aufgedeckt wurde. Herbert Baum wurde am 22. Mai festgenommen und wählte in der Haft in Berlin-Moabit am 11. Juni 1942 den Freitod.
Wenn wir heute an den Widerstand 1933-1945 von Zehntausenden von Jüdinnen und Juden erinnern, davon 3000 allein in Deutschland, erinnern wir an einen Kampf gegen Entmenschlichung, für Würde, für die eigene Kultur und Religion und für das Recht zu leben. Gleichzeitig dient die Erinnerung an die jüdischen Widerstandskämpfer und -kämpferinnen auch dazu, ihnen ihre Würde als handelnde Subjekte, als mutige Individuen wiederzugeben und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Abschließen möchte ich mit einem Appell, der mir sehr am Herzen liegt: die Gefahr für die Demokratie in Deutschland, die Gefahr, die uns allen droht, wird von Tag zu Tag, von Wahl zu Wahl größer. Sie geht aus von einer extrem rechten Bewegung und deren parlamentarischem Arm, der AfD. Die Politiker*innen der großen Koalition müssten aus der Zeit der Vorbereitung der Nazidiktatur wissen, dass sie nicht mit Antidemokraten zusammengehen und sie schon gar nicht rechts überholen dürfen, um Wählerstimmen zurückzuholen.
Lassen wir uns als Gegenbewegung nicht spalten! In unserem gemeinsamen Kampf für den Erhalt der Demokratie steht nicht an erster Stelle, ob wir uns einig sind z.B. in der Frage der Waffenlieferungen an die Ukraine oder Israel. An erster Stelle steht unsere Verteidigung des Rechtsstaates, des Schutzes von Minderheiten, das Zurückdrängen der alten und neuen Naziideologie, das Zurückdrängen der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden und deren Einrichtungen. Laut der Meldestelle RIAS gab es 2024 bundesweit 8.627 antisemitische Vorfälle – ein Anstieg um 77 Prozent.
„Für Juden und Jüdinnen heute bedeutet Erinnerung auch Angst. Sie sehen die Schatten der Geschichte, den neuen Hass“ , in Schulen, Medien, auf der Straße. „Die Erinnerung lehrt, wachsam zu sein. … Es genügt nicht, der Toten von damals zu gedenken, wenn man die Lebenden von heute übersieht, wenn jüdische Familien sich fragen müssen, ob sie in Deutschland sichtbar jüdisch sein können. … Erinnerung ohne Empathie (ist) leer, .. Gedenken (schützt) nicht…, wenn man im Alltag wegschaut. Auschwitz begann nicht mit Gaskammern, sondern mit dem Wegsehen.“
Wir stehen an der Seite der Juden und Jüdinnen in Deutschland, wir wünschen allen jüdischen Gemeinden, was Elvira Noa, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Bremen, vor einem Monat am 7. Oktober auf dem Marktplatz sagte: „Wir Jüdinnen und Juden hier in Deutschland und Europa wollen leben. Ohne Angst. In Frieden mit allen anderen Religionen und Nationalitäten.“
Und wir sind solidarisch mit allen Palästinensern und Israelis, die sich für dauerhaften Frieden und Gerechtigkeit in zwei miteinander in Koexistenz lebenden Staaten einsetzen. Wir sind solidarisch mit der riesigen, dauerhaften Demokratiebewegung in Israel gegen eine extrem rechte Regierung – einer Demokratiebewegung, wie wir sie ebenfalls als dauerhafte gegen alle Schritte zum Abbau des Rechtsstaats und der demokratischen Gewaltenteilung auf die Beine stellen müssen.
Für Worpswede heisst das, im nächsten Jahr ungeachtet aller politischen Differenzen gemeinsam zu verhindern, dass die AfD in den Gemeinderat kommt!
Kein Platz für Nazis in Worpswede! Gemeinsam für ein friedliches, die Würde aller Menschen respektierendes Zusammenleben in allen acht Ortschaften unserer Gesamtgemeinde!
Als nächstes spricht Ian Bild zu uns über den jüdischen Widerstand. Die Mitglieder der Initiative und der Worpsweder Autor, Schauspieler und Mitbegründer der Bremer Shakespeare Company Chris Alexander lesen eine von Ian Bild zusammengestellte Dokumentation von Texten jüdischer Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen.

Lesung: „Stimmen des jüdischen Widerstands“
Zusammengestellt von Ian Bild
Einleitung
Vor einigen Jahren habe ich Coco Schumann hier in Worpswede getroffen – für ein Radio-Feature über die Swing-Jugend. Ich erinnere mich noch gut: Eines seiner letzten Konzerte fand hier in der Music Hall statt. Schumann war jüdischer Gitarrist und hatte eine große Leidenschaft für Swing-Musik. In Nazi-Deutschland leistete er zusammen mit seinen nichtjüdischen Swing-Jugend-Kameraden Widerstand – einfach, indem sie ihre Lieblingsmusik hörten, obwohl sie von den Nationalsozialisten verboten war. Schumann war einer von vielen jüdischen Männern und Frauen, die Widerstand leisteten.
Ein Teil meiner eigenen Familie – meine Urgroßeltern – gehörte zu den sogenannten Ostjuden. Zwischen 1880 und etwa 1910 flohen sie aus dem damaligen Russland, Polen und Litauen, aus Städten wie Brest-Litowsk, Pinsk und Wilna, vor Armut und Unterdrückung nach England und in die Vereinigten Staaten. Den Kontakt zu denen, die zurückblieben, verloren sie. Wir wissen nicht, was mit ihnen geschah, als die Nazis in den 1940er-Jahren ihre Heimat eroberten. Wahrscheinlich wurden die meisten in Ghettos und Konzentrationslagern ermordet.
Doch die Geschichte des Holocaust ist nicht nur eine Geschichte von Leid und Ohnmacht. Sie ist auch eine Geschichte des Widerstands – in Deutschland, wie bei Coco Schumann, und im Osten – bewaffnet und unbewaffnet, in Ghettos, Lagern, Wäldern und Städten. Ich weiß nicht, ob Teile meiner eigenen Familie unter den Widerständigen waren. Vielleicht ja, vielleicht nicht. Aber dass es jüdischen Widerstand gab, ist für mich zutiefst ermutigend.
Widerstand bedeutet nicht immer Schießen, nicht immer Kämpfen. Widerstand heißt, sich nicht brechen zu lassen: einen Brief schreiben, ein Lied singen, eine Botschaft hinaustragen, ein Kind verstecken, Swing-Musik hören.
Heute lassen wir sieben Stimmen sprechen – Stimmen, die im Feuer der Vernichtung standhielten und uns daran erinnern, dass Würde und Mut auch in der dunkelsten Zeit möglich waren.
Coco Schumann: Swing Jugend – Berlin:
Aus seiner Autobiografie „Der Ghetto-Swinger“.
„Ich war Gitarrist, ein Jazzmusiker. Swing war mein Leben – und Swing war verboten. Für die Nazis war unsere Musik ‚entartet‘, sie nannten sie ‚Negermusik‘, ‚Judenmusik‘. Aber für uns war sie Freiheit.
Im Ghetto und im Lager spielte ich. Manchmal heimlich, manchmal gezwungen. Ich spielte, um zu überleben – denn wer Musik machen konnte, hatte vielleicht eine kleine Chance, nicht sofort in den Tod geschickt zu werden. Aber ich spielte auch, weil die Töne ein Stück Menschlichkeit waren.
Ich erinnere mich, wie wir ein paar Instrumente zusammenkratzten, eine Trommel, eine Gitarre, ein Saxophon. Wir spielten, und für ein paar Minuten war die Hölle nicht ganz so laut. Manche nannten uns die ‚Ghetto Swingers‘. Wir spielten… in Theresienstadt, für die Gefangenen, manchmal auch für die SS.
Das war der Widerspruch: wir gaben den Tätern Musik – und gleichzeitig gaben wir uns selbst Kraft, durchzuhalten.
Jeder Ton war ein Aufbegehren. Ein Beweis, dass wir noch lebten, dass wir nicht verstummten.
Ich überlebte. Und ich habe nach dem Krieg weitergespielt. Denn Musik war meine Waffe – leiser als eine Pistole, aber stärker, als man glauben mag.“
Abba Kovner: Dichter, Widerstandskämpfer, Partisanenführer – Wilna:
Aufruf zum jüdischen Widerstand 1941.
Lassen wir uns nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen!
Jüdische Jugend!
Glaubt nicht den Verführern. Von den 80.000 Juden im ‚Jerusalem von Litauen‘ blieben nur 20.000. Vor unseren Augen haben sie unsere Eltern, Brüder und Schwestern entrissen.
Wo sind die Hunderte von Menschen, die von den litauischen Häschern zur Arbeit entführt wurden…?
Hitler beabsichtigt, alle Juden Europas zu vernichten. Es ist das Schicksal der Juden Litauens, als erste an der Reihe zu sein.
Lassen wir uns nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen!
Es ist wahr, wir sind schwach und hilflos, aber die einzige Antwort an den Feind lautet:
Widerstand!
Brüder! Lieber als freie Kämpfer fallen, als von der Gnade der Mörder leben.
Widerstand leisten! Widerstand bis zum letzten Atemzug!
Vitka Kempner: Partisanin – Wilna:
Aus einem Interview.
„Ich trug die Bombe unter meinem Mantel, als ich den deutschen Zug sah. Meine Hände zitterten nicht. Ich war 19 Jahre alt. Wir nannten uns ‚Fareynikte Partizaner Organizatsye‘ – die Vereinigte Partisanen-Organisation. Wir waren nur wenige, aber wir hatten gelernt, dass schon ein einziger Angriff die Maschinerie der Vernichtung stören konnte.
Ich erinnere mich an das Geräusch der Explosion, an das Schreien, an den Rauch. Ich fühlte keine Freude, aber ich fühlte Kraft. Wir wollten zeigen: wir sind nicht ausgelöscht. Wir können zurückschlagen.
Manchmal kamen wir aus den Wäldern, überfielen deutsche Versorgungskolonnen oder griffen Wachposten an. Dann verschwanden wir wieder in die Dunkelheit. Jeder Zug, der entgleiste, jedes Depot, das in Flammen aufging, war für uns ein Sieg – klein im Maßstab des Krieges, aber unermesslich für unsere Würde.
Ich wusste, dass jeder Einsatz mein letzter sein konnte. Aber ich dachte nicht an den Tod. Ich dachte an die, die in Ponary erschossen worden waren. Und jedes Mal, wenn wir zuschlugen, hatte ich das Gefühl: ihr Tod ist nicht ungesühnt.“
Mordechai Anielewicz – Widerständler – Warschauer Ghetto:
Brief von Ihm, April 1943.
„Ich kann nicht beschreiben, was wir durchlebt haben. Seit Wochen halten wir stand gegen Panzer, gegen Flammenwerfer, gegen Soldaten mit modernsten Waffen. Wir, junge Männer und Frauen, bewaffnet mit Pistolen, ein paar Gewehren, einigen selbstgebauten Sprengsätzen.
Wir kämpfen in den Straßen, in den Ruinen, in den Kellern. Sie brennen ganze Häuserblocks nieder, aber wir graben uns durch die Mauern, wir bewegen uns wie Schatten. Wir wissen: wir können nicht gewinnen. Aber wir wollen, dass die Welt erfährt, dass wir uns nicht widerstandslos ergeben haben.
Es war unser Schwur: wir gehen nicht wie Schafe in den Tod. Jeder Schuss, jeder Angriff, jedes brennende deutsche Fahrzeug ist ein Zeichen, dass wir nicht stumm sind. Und wenn wir sterben müssen – dann mit erhobenem Haupt.
Vielleicht bleiben nur Worte von uns zurück, vielleicht nur ein letzter Bericht, den jemand aus den Trümmern birgt. Aber diese Worte werden schreien, lauter als unsere Waffen: Juden haben gekämpft. Juden haben sich gewehrt.“
Chaika Grossman Widerständlerin – Białystok:
Aus ihrer Autobiografie.
„Ich war Kurierin. Ich trug Nachrichten, Pistolen, Medikamente – von Stadt zu Stadt, von Ghetto zu Ghetto. Ich bewegte mich auf der sogenannten ‚arischen Seite‘, blond, unauffällig, niemand ahnte, dass ich eine Jüdin war.
Es war gefährlich. Jeder Blick, jedes falsche Wort konnte mich verraten. Aber ich musste gehen, musste laufen, musste tragen, was gebraucht wurde. Ohne uns Kuriere wären die Ghettos voneinander abgeschnitten gewesen. Ich überbrachte Anweisungen, ich brachte Hoffnung.
Ich erinnere mich an das Zittern, wenn ich einen Revolver in meinem Mantel versteckt hatte und durch eine deutsche Kontrolle ging. Aber ich erinnerte mich auch an die Gesichter, wenn ich ankam. ‚Du bist am Leben‘, sagten sie. ‚Wir sind nicht vergessen.‘
Wir waren jung, wir waren fast Kinder. Aber wir verstanden: Widerstand ist nicht nur Schießen. Widerstand ist auch, das Band zwischen uns lebendig zu halten. Solange es Nachrichten gab, solange jemand kam, solange ein Funke Mut von einem Ort zum anderen getragen wurde – solange waren wir nicht besiegt.“
Hirsh Glick: Dichter – Wilna: (Jörn)
Aus seinen autobiographischen Gedanken.
„Wir schrieben Lieder, während die Welt in Flammen stand… ‚Sag niemals, dass du gehst den letzten Weg.‘
Ich schrieb es, als ich hörte vom Aufstand im Warschauer Ghetto. Ich war in einem Lager, wir waren gefangen, wir hungerten. Aber wir sangen.
Das Lied verbreitete sich wie ein Flüstern, wie ein Windstoß, von Gefangenen zu Gefangenen, von Ghetto zu Ghetto, von Wald zu Wald. Es wurde gesungen in Ghettos, in Lagern, in den Wäldern. Manche sangen es, bevor sie erschossen wurden. Manche sangen es, als sie in den Kampf zogen.
Worte können keine Kugeln ersetzen. Aber Worte können eine Kugel entzünden im Herzen. Sie können Mut machen, wo keiner mehr zu finden ist. Sie können ein Vermächtnis sein, das überlebt, wenn Körper und Städte vernichtet sind.
Vielleicht sind meine Gedichte klein. Vielleicht sind sie nur Tropfen im Ozean des Blutes. Aber sie sind da. Und solange jemand sie singt, sind wir nicht vergessen.“
Marianne Cohn – Kinderfürsorgerin, Widerstandskämpferin, Fluchthelferin – Frankreich & Deutschland:
Aus dem 1943 im Gefängnis entstandenen Gedicht „Ich werde morgen verraten“.
Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Heute reißt mir die Nägel aus.
Ich werde nichts verraten.
Ihr kennt die Grenze meines Mutes nicht.
Ich kenn sie.
Ihr seid fünf harte Pranken mit Ringen.
Ihr habt Schuhe an den Füßen.
Mit Nägeln beschlagen…
Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Die Feile ist unter der Kachel,
Die Feile ist nichts fürs Gitter,
Die Feile ist nicht für den Henker,
Die Feile ist für meine Pulsader.
Heute habe ich nichts zu sagen.
Ich werde morgen verraten.
Gad Beck – Untergrund in Berlin: (Chris)
Aus seiner Autobiografie „Und Gad ging zu David“.
„Ich war kaum zwanzig Jahre alt, als die Verfolgungen begannen. In Berlin blieb ich, ich war Jude und schwul – beides hätte mich das Leben kosten können. Aber ich konnte nicht einfach zusehen.
Mit einer kleinen Gruppe halfen wir, Verfolgte zu verstecken. Wir organisierten Papiere, wir besorgten Lebensmittelkarten, wir führten Menschen durch die Stadt, von einer Wohnung zur nächsten. Ich kannte die Straßen, ich kannte Leute, die halfen. Jeder Tag war ein Risiko.
Ich erinnere mich an Manfred, meinen Geliebten. Ich versuchte, ihn zu retten, als sie ihn abholen wollten. Ich schaffte es bis vor das Lager, ich sprach mit einem SS-Mann, ich log, ich bat, ich tat alles, was möglich war. Doch Manfred wurde nach Auschwitz deportiert – und ermordet. Ich habe ihn nie wiedergesehen.
Trotzdem machten wir weiter. Wir retteten, wen wir konnten. Nicht alle, aber manche. Jeder Mensch, der überlebte, war ein Sieg über ihre Vernichtungsmaschinerie.
Manchmal sagten Leute: ‚Das war doch kein Widerstand, ihr habt nur versteckt.‘ Aber für mich war es Widerstand. Jeder, den wir den Nazis entreißen konnten, war ein Schlag gegen sie.
Und vor allem: Wir blieben Menschen in einer Welt, die uns entmenschlichen wollte.“
Schluss:
Die Stimmen des Widerstands sind vielfältig. Ihre Botschaft reicht bis heute: Widerstand ist möglich. Menschlichkeit ist möglich.
Doch für die meisten Jüdinnen und Juden war Widerstand kaum möglich. Viele glaubten, der Spuk würde vorübergehen. Viele hofften, ihre Freundinnen und Freunde würden ihnen helfen und sie unterstützen.
Hinter uns steht das Haus von Rosa Abraham. Ihre Kinder und Enkel konnten nach Amerika und Südafrika fliehen. Rosa, damals fast 70 Jahre alt, blieb zurück. Allein gelassen und kaum unterstützt, wurde sie nach Theresienstadt verschleppt und 1942 nach Treblinka deportiert, wo sie von den Nationalsozialisten ermordet wurde.
Erst 2013 wurde das Kaddisch – das jüdische Gebet zum Gedenken an die Verstorbenen – für Rosa hier in Worpswede von ihrer Urenkelin Irene Goldsmith und von mir gesprochen.
Seitdem wiederhole ich es jedes Jahr am 9. November.
Kaddisch:
Abschluss:
Bevor ich den ersten Teil unserer Gedenkveranstaltung offiziell beende, möchte ich Sie und Euch noch auf
- unsere Sammlung für AMCHA hinweisen – eine Nichtregierungsorganisation in Israel, die den Überlebenden der Shoa sowie ihren Nachkommen in der Bewältigung ihrer Traumata zur Seite steht. Aktuell erreicht AMCHA ca. 20000 Menschen. Unterstützt wird die Organisation auch von AMCHA Deutschland.
- Ausserdem möchte ich Sie und Euch alle einladen zu meiner Lesung im Rahmen des Literarischen Quartiers am 16.11.25 um 17.00h im Presseclub Bremen im Schnoor. zum Gedenken an die Opfer der Reichspogromnächte im November 1938 und mit Ausblicken auf das Davor und das Danach. Die Einladungen liegen auf dem kleinen Tisch neben der Stele.
- Zum zweiten Teil unserer Gedenkveranstaltung möchten wir alle Anwesenden bitten, gemeinsam zur Galerie Altes Rathaus zu gehen. Dort wird der Politik- und Religionswissenschaftler und politische Schriftsteller Monty Ott aus Berlin einen Vortrag halten zum Thema Der jüdische Widerstand 1933 – 1945 – Vergessen? Verschwiegen? Antisemitismus und jüdisches Leben in Deutschland heute. Danach steht er zu einem Gespräch zur Verfügung. Es wäre sehr schön, wenn wir jetzt nicht jeder und jede allein zum alten Rathaus laufen, sondern wenn alle die Geduld aufbringen, einen Augenblick zu warten, bis wir gemeinsam losgehen.
Vielen Dank für Eure und Ihre Aufmerksamkeit
Der erste Teil unserer Veranstaltung ist damit abgeschlossen.

Der jüdische Widerstand 1933 – 1945 – Vergessen? Verschwiegen?
Antisemitismus und jüdisches Leben in Deutschland heute
Monty Ott (Auszug)
(…) Wenn heute zu wenigen Gelegenheiten über jüdischen Widerstand gesprochen wird, dann meist als seltene, bewaffnete Gruppenaktivität – wie also beim Aufstand im Warschauer Ghetto oder bei Partisan*innengruppen.
Hegemonial ist weiterhin die Vorstellung, dass Jüdinnen*Juden sich vermeintlich wie Lämmer haben zur Schlachtbank führen lassen. Doch jüdische Menschen allen Alters haben zahlreiche Widerstandshandlungen gegen die nationalsozialistische Zustimmungsdiktatur durchgeführt. Laut Gruner reichte das vom Ignorieren der Ausgangssperren über den Besuch von Restaurants oder Kinos bis hin zum Ablegen des sog. Judensternes. (…)
(…) Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit darf nicht der Selbstvergewisserung, einer wohligen Einrichtung in den gegenwärtigen Verhältnissen dienen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss Folgen für das Handeln in der Gegenwart haben. Genau das ist der Unterschied zwischen dem, was der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno als Vergangenheitsbewältigung bezeichnet und dem, was Susanne Siegert als “Gedenkarbeit” dieser Haltung entgegensetzt.
Lassen Sie mich das kurz ausführen. Adorno sprach Ende 1959 auf einer Konferenz für Pädagog*innen. Er bemerkte, dass „die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist.“ Wir wüssten nicht, fuhr der Gesellschaftstheoretiker fort, „ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“16 „Aufarbeitung“, so lautet Adornos Antwort auf die im Titel formulierte Frage „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?“, sei eine Chiffre. Sie bezeichne eben keine wirkliche Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen. Tatsächlich stehe dieses Wort für eine ganz gegensätzliche Tendenz. Sie drücke aus, dass „man […] einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen“ will. Deshalb sei es notwendig, so der Sozialphilosoph Adorno, „sich selbst als schuldig […] [zu erfahren], auch an dem, woran […] [man] im handgreiflichen Sinne nicht schuldig ist.“ Also Verantwortung dafür zu übernehmen, was man nicht selbst getan hat – und Denken und Handeln so einzurichten, „daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“.
Und wie man diese Überlegungen umsetzen kann, das erklärt Siegert auf ihrem Profil “Keine Erinnerungskultur” auf Instagram vor knapp 190.000 und auf TikTok vor rund 227.000 Followern. Weil die Überlebenden zunehmend versterben, spricht sie eher von “Gedenkarbeit” als von “Erinnerungskultur”. Arbeit ist es für Siegert deshalb, weil es Kraft und Aufwand benötige, das Wissen über die Schrecken der Shoa zu bewahren. Doch sie betont noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Ich zitiere: “Wir müssen jetzt diese Arbeit machen und können das nicht mehr […] an Überlebende so ein bisschen abschieben, sondern müssen selber aktiv werden.” (Zitat Ende) Die Content Creatorin kritisiert, dass es sich die Angehörigen des Tätervolkes immer etwas zu leicht gemacht und Überlebenden sehr viel aufgebürdet hätten.
Deshalb darf die Beschäftigung mit dem jüdischen Widerstand kein Selbstzweck sein. Sicher, dass wir uns überhaupt diesem Thema widmen, ist ein Fortschritt. Aber viel zu schnell kann es geschehen, dass diese Beschäftigung in die üblichen Muster verfällt.
Wir sollten uns den Gedanken Walter Benjamins zur Richtschnur nehmen, dass es schwerer ist, „das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten“. Eine verantwortungsvolle und selbstkritische Auseinandersetzung mit der Geschichte, das ist Arbeit und kostet Kraft. Sprechen wir über jüdischen Widerstand, dann, um den Underdogs der deutschen Geschichtsschreibung zu ihrem Recht zu verhelfen – und, um beschönigende und relativierende Vorstellungen in Frage zu stellen. Beschäftigen wir uns mit dem jüdischen Widerstand, dann um die Instrumentalisierung von jüdischer Gegenwart für das deutsche Selbstbild in Frage zu stellen. Beschäftigen wir uns mit dem jüdischen Widerstand dann, um diesem Satz gerecht zu werden: “Erinnern heißt kämpfen!”
